Mailwechsel (2.Teil)
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Mailwechsel
Graf, Hochhäusler, Petzold
Berliner Schule u.a.

Den ersten Teil lesen Sie im Revolver Heft 16

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Lieber Christoph, lieber Christian
Auffällig finde ich wieder beim Nochmal- sehen, daß man bei "Milchwald", "Marseille", auch bei "Die innere Sicherheit" den expliziten Eindruck hat, Deutschland ist eine Todeszone. Der Grenzübergang zwischen Polen und Deutschland steht doch in "Milchwald" für das Übertreten einer Grenze, die auf der einen Seite in die Offenheit und in ein alles-ist-möglich führt, auf die andere Seite hin in ein Geisterreich. In Deutschland leben die, die eigentlich schon halb verstorben sind, die in absurden Einfamilienhäusern mit ehelichem Rauchverbot vegetieren, in Polen kommt schon erstmal der grossartige Miroslaw Baka daher und bringt Leben in die Bude. In "Marseille" ist selbst das harsche Ende der Träume dort, dieser von ihr erzählte OFF-Überfall, für die Hauptfigur eher wie eine Befreiung, sie geht dann in dem gelben Kleid, das man ihr gegeben hat, am Strand spazieren und verschwindet in der wunderschönen Dämmerung am Meer. Bei Camus hiess das "die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt".
Diese deprimierende, verstockte, verklemmte Gespensterwelt ohne Hoffnung dagegen, die Deutschland in den Filmen darstellt, ist mir doch mit dem Begriff "Melancholie der Bürgerlichkeit" nicht hinreichend erklärt. Ich weiß, wir sind jetzt wieder beim Ausgangspunkt, aber es ist mir nochmal so augenfällig geworden. (Ich bin überzeugt, daß die französischen Kritiker die Filme auch für dieses erstarrte Deutschlandbild lieben.) Empfindet "ihr" das so? Das ist gar keine kritische Frage, eher Interesse. (...)
Herzlicher Gruss! Dominik

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Lieber Dominik, lieber Christian,
ich habe kurz nach Fertigstellung meines ersten Films ein Interview mit Dominik gelesen, in dem er sinngemäss gesagt hat, es gäbe beim deutschen Nachwuchs im Übermass eine bestimmte Sorte Kino, er würde sie „Schneewittchenfilme" nennen, Menschen leblos hinter Glas, in Erwartung, und diese Sachen könnte er nicht mehr sehen. Das hat mich damals getroffen, denn natürlich, so einen Film hatte ich gerade gemacht, „Schneewittchen" war sogar explizite Inspiration (für die Sequenz, in der Sylvia, wie tot, im Bett liegt, während das Telefon klingelt) und es hat geschmerzt, in so eine Gruppe eingemeindet zu werden, die das Leblose offensichtlich nur wählt, weil es sich so gut gestalten lässt: Wachsfiguren. Der Vorwurf lässt sich für „Milchwald" sicher nicht ganz von der Hand weisen, zumal ich vorhatte, einen wesentlich lebendigeren, auch sinnlicheren Film zu machen (...). Aber natürlich, die Todeszone war schon zuvor gedacht und geschrieben worden, die Gegenüberstellung: Polen, Leben ohne Plan, Deutschland: In Erstarrung warten, bis alles „fertig" ist, bis die Erlösung kommt - aber sie kommt nicht. Natürlich ging es mir eher um metaphorische Kategorien, also nicht wörtlich um Deutschland und Polen, aber trotzdem waren diese Aufteilungen durchaus unterfüttert mit erlebter Wirklichkeit. Allein das Haus und sein wirklicher Bewohner - das war eine noch viel erschreckendere Geschichte, als die, die wir erzählt haben. Und demgegenüber Erfahrungen in Polen, die sehr viel körperlicher, lebendiger und auch mystischer waren als mein deutsches Leben. (Das so wahrzunehmen ist sicherlich wiederum sehr deutsch...) (...)
Aber worauf ich hinaus will, ist die deutsche Tradition des schweren Lebens, die Sehnsucht nach endgültiger Form, nach einer eigentlich lebensfremden Stabilität, die da zum Ausdruck kommt, und die sich vielleicht in unseren Filmen und Stoffen fortsetzt. Diese Hingabe an das Tote, Infrastrukturfetischismus, haben wir alle erlebt. Und das geht tatsächlich über die Melancholie des neuen Bürgertums hinaus...
(...)
Aber es gibt ja nicht nur viele Traditionslinien in der deutschen Kultur, sondern auch in mir sehr verschiedene Interessen, und ich fände es schrecklich, wenn jeder meiner Filme in die gleiche Kerbe schlüge, immer Eiche! „Falscher Bekenner" ist zum Beispiel aus deutlich anderem Holz geschnitzt, finde ich, und der nächste Film sucht wieder den Kontrast. Insofern teile ich deine Müdigkeit, Dominik, muss aber gleichzeitig sagen, dass man sich nicht aussuchen kann, welche Filme man macht. Auch und gerade das Autorenkino ist ja nicht frei, im Gegenteil ist Determination vielleicht sogar Voraussetzung jeder „Vision". Wenn man ALLES machen könnte, würde man diesen Weg (der ja auch Askese ist, zumindest finanziell) nicht gehen können, glaube ich. Es klingt paradox, aber in gewisser Weise ist der Autorenfilm das Unvermögen, etwas anderes zu machen als das Eigene. Und nach dem Film stellt man fest, dass das Eigene grössere kollektive Anteile hat, als gedacht.
Christoph

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Lieber Dominik, lieber Christian,
Was mir, ganz allgemein gesprochen, quer durch alle Lager, fehlt im deutschen Kino, vielleicht sogar im Kino der Gegenwart, sind Menschenkenner. Regisseure, die in der Lage sind, aus dem Relief der Handlungen, Blicke und Gesten eine Figur entstehen zu lassen, die ihre ureigene Sprache spricht (ihren eigenen Gang hat), und die am Ende nicht nur glaubwürdig ist, sondern mit ihren Abgründen, ihrer Eigenart, ihrem Witz überrascht. (...) Wieviele deutsche Filmfiguren kennt man beim Namen? (Wenn die Filme nicht gerade heissen, wie ihre Figuren). Verschwindend wenige.
So oder so, in diesen Horizont würde ich gerne reiten. Einen Film wie „Young Mr. Lincoln" machen...
Christoph
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Lieber Christoph, lieber Christian
An der Mail von Christoph von gestern hab ich viele Sehnsüchte und Entscheidungszwänge im Beruf sehr gut verstanden. Ich fand das auch sehr offen ausgedrückt. Warum man so und nicht anders prädestiniert ist in Deutschland und warum man dann eben diesen Weg nimmt und nicht andere .... Auch natürlich die Tatsache, daß einen gerade das Autorenkino in gewissem Sinn zur Unfreiheit "zwingt".
In den letzten Jahren haben sich doch die voneinander getrennten Marketingkreise im Film extrem verschärfter ausgebildet, also einerseits das Kommerzkino = das Kommerzfernsehen = der Mainstream allgemein (das kann man ja irgendwie nicht mehr im Einzelnen voneinander trennen, finde ich) und davon messerscharf geschieden auf der anderen Seite die Festivalkultur, die ja auch ihre kleinen kommerziellen Chancen für die Filme bietet, also Verleihdeals, Filmpreise usw.
Aber kaum irgendeine interessante Art Film ist noch für beide Marketinggebiete gleichermassen verwertbar (...) Die Verschärfung der Trennung von "Kunst" und "Kommerz" führt zu einer totalen Trennung von "Experiment" und "Erzählfilm" (uaaah! Das war auch immer so ein grausiges Wort "Erzählfilm"...). Und die Entscheidung für eines von beiden ist heute sehr früh für Regisseure wie überlebensnotwendig. Bedauere ich auch sehr für die Regisseure. Die Einordnung, die Kategorisierung kommt so früh.
(...)
Dominik

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Lieber Dominik, lieber Christoph.
Der Gedanke, dass Deutschland eine Todeszone wäre und da draußen, gar nicht weit weg, nur eine Goethereise entfernt, alles leicht und lebensbejahend, das stimmt doch gerade für die Filme der Berliner Schule gar nicht. Ich fange mal bei mir selbst an. Innere Sicherheit. Da geht es doch um Paranoia, Raumverengung. Alles auf sich beziehen, die Welt als Zeichen, Signal. Der Tunnel der Verfolgten. Wie in Anna Seghers Transit - da ist Marseille und Hafenstadt und Frankreich und Meer - aber offen ist da schon lange nichts mehr. So haben wir auch Portugal gesehen und gefilmt. Leute wollen weg. Sind auf der Flucht. Und müssen warten. Die sehen keine Sonnenuntergänge und genießen kein portugiesisches Olivenöl. Nur die Tochter hält die Augen und die Sinne auf. Sie liest/decodiert nicht, sie betrachtet und sehnt. Das geht in Deutschland weiter. Es gibt eine Grenze, einen Grenzfluss, eine Fahne, ein altes Zollhaus. Es ist ein wenig kälter, aber das ist es schon. Es ist nicht anders.
Ihr seid doch schon alle tot - in der DFFB gab es in den Studentenfilmen oft so was: Jugendliche verbluten vor Handkamera und Freundin schreit: So helft doch! Und dann gehen die Rollläden runter und die Lichter aus. Wir, hier auf der Straße, im Leben und ihr in euren Wohnzimmern und eurem Ehegattensplitting usw. Manchmal hatte das ganz profane Gründe. Man hat kein Geld, um Schauspieler zu bezahlen. Nur Schauspielstudenten konnte man bekommen und echte Jugendliche dazu. Und die Eltern oder die Älteren, Schauspieler, die schon eine Gelassenheit haben, die Gesichter haben, eine Geschichte, die bekam man nicht. Da spielten dann die Freunde der Eltern, oder der Hausmeister. Was Christoph mit Schneewitchen meint, hat damit zu tun.
Der Wim Wenders, der schrieb mal in einer FILMKRITIK zu Rote Sonne von Thome, dass das ein Film sei, der sich nicht schämt, in Deutschland zu spielen.
Im deutschen Mainstreamkino gibt es diese Scham und so geben sie sich immer alle Mühe, in vorauseilendem Gehorsam, dem amerikanischen nachzueifern: der beschissene Score, Schauspieler, die, wenn sie die Schiene erreichen und das Travelling beginnt, eine Starfresse aufziehen, weil sie wissen, dass sie jetzt nah sind, die ganze Panavision Ästhetik, Kranfahrten aus dem Internet, Wohnungen und Straßen und Städte, die so gleich aussehen wie die Welt in der Boarding Zone eines internationalen Flughafens.
Aus den Orten eine Geschichte gewinnen. In Thomas Arslans Dealer, da sind eben keine brennenden Tonnen, keine Verschläge, in denen gehaust wird. Da ist Sommer und Park, und es ist wirklich Berlin. So wie Rote Sonne auch vom amerikanischen Kino handelt, tut das Dealer auch. Aber er spielt in Deutschland, und er schämt sich nicht.
Liebe Grüße
Christian

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Lieber Christoph, lieber Christian
Eine Erwiderung auf Thomas Arslan - Kino kann doch nicht nur dieses deutsche Pseudostar-Kino sein. So einfach ist das doch nicht, daß man sagen kann, wir machen das so und so, und wer es nicht so macht ist automatisch auf der anderen Seite, und da gibts sowieso nur Arschlöcherfilme. Das sind die alten, knallharten Fronten zwischen dem gewolltem Mainstream (ich weiß natürlich aus eigener Erfahrung, was damit gemeint ist, welchen Tendenzen man selbst dabei auf den Leim geht oder versucht hat, ihnen krampfhaft auszuweichen) und eben den Filmen, denen das genau auf den Sack geht und die keinen beschissenen Score und die keine Schienenfahrt-Schauspielerfressen aufsetzen lassen. (Am besten man nimmt sowieso nur noch den Zoom, weil dann keiner weiss, wie nah man dran ist. ) Dafür schauen die Schauspieler in den "Schneewittchen"-Filmen aber manchmal verdammt wertvoll drein. Ob es nun die Freunde von Eltern oder die Eltern von Freunden oder auch bekannte Schauspieler sein mögen, die da mitspielen, und ob sie in hundertprozentig stimmigen Ambientes stehen - oft sehe ich in Gesichtern einen Subtext wie: "Achtung, ich spiele jetzt eine wertvolle Emotion, denn ich spiele in einem wertvollen Film!" Und kein Regisseur hat ihnen diesen Subtext aus dem Gesicht gestrichen.
Ich will zu den stimmigen Orten an sich auch nochmal was sagen: ich glaube ehrlich gesagt, es braucht auch ziemliches Talent, um sich der Wirkung von Orten so bewusst zu sein wie es bei "Marseille" zum Beispiel der Fall ist. Ich denke, ein Teil davon ist auch virtuoses filmisches Handwerk und Wirkungspräzision, es ist nicht nur das was-anderes-Wollen als lobenswerte Mentalität. Das heisst, wer hier als Mainstreamknecht von Dir, Christian, alles subsummiert und beschimpft wird, der ist teilweise auch an diesem Punkt des Inszenierens vielleicht einfach nicht begabt genug, um jenen siebten Sinn für Orte zu entwickeln. Fährt dann also hilflos irgendwie mit Kränen durch die Gegend - macht auf Leni Riefenstahl in Ermangelung besseren Wissens sozusagen. Meistert dafür vielleicht andere Details ganz gut, wer weiss. (...)
Gruss! Dominik

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Lieber Dominik, lieber Christoph,
(...) Produktionsbedingungen.
Ich schneide ja seit ein paar Filmen in so einem Medienzentrum, da schneiden auch ganz viele andere, aus verschiedensten Bereichen. Es gibt Kantine und Garten und feste Mittagszeiten und da kommt man zusammen und da erzählt man sich. Was mir gefällt, dass man erfährt, wie die anderen arbeiten, unter welchen Bedingungen. Man tauscht sich aus. Man erfährt, dass man in 22 Tagen einen Tatort zu drehen hat. Oder weniger.
Wie soll das gehen? Und jetzt nicht mit Detour und Ulmer kommen und 16 Tagen in Decors, die noch irgendwo rumstanden und Schauspielern, die noch ein paar Vertragstage hatten. Das ist Studio und das gibt es nicht mehr.
Der Graben zwischen dem Festivalfilm/Folklorefilm/Literaturverfilmung und dem sogenannten Mainstream, der schreibt sich doch schon hier ein. Da muss man doch aus den Beständen leben: was die Schauspieler mitbringen, die Kamera (Kopf/Kopf/Zweier), man selbst. Was für eine Arbeit der wenigen Redakteure und Redakteurinnen, der Produzenten, dieser Grammatik und diesen Produktionsbedingungen noch einen Film abzugewinnen, der die Schauplätze gesehen hat, die Städte und die Architektur, der sich Zeit nimmt, das Gesehene zu besprechen. Der Kollektiv ist und nicht der Kampf eines Einzelnen.
Es gibt dann die Schauspieler und die Filme, die hangeln sich am Buch entlang wie Ausflügler an den Sicherungsgeländern. Und die anderen, die sich außerhalb des Betriebs aufhalten, die schauen dann besonders wertvoll, mit diesem Subtext, von dem Dominik sprach. (...)
Liebe Grüße
Christian

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Lieber Dominik, lieber Christian,
habe mir gestern im neuen Hauptbahnhof hier „Der Felsen" gekauft. Kannte ich noch nicht. Mir war abgeraten worden damals.
Ich bin ehrlich begeistert von dem raunenden Tonfall, ein Film wie ein Flüstern, es kitzelt im Ohr. Der Anfang: „Zeige deine Werkzeuge", eine Handvoll unbestimmter Gegenstände - und daraus wird wirklich ein dichtes erzählerisches Gewebe, riskant, pointilistisch, entdeckungsfreudig. Der letzte, der zum ersten Gegenstand vermitteln soll (wie der Senegalese sagt), das sollen wir sein, oder? Aber obwohl der Tod droht: so weit hat mich der Wirbel nicht getragen. Das Ende versinkt im Labyrinth, überinstrumentiert. Zu viele Komplikationen für eine Geschichte, die nur ganz dicht am Ohr funktioniert, weil sie sonst in viele viele Teile zerfällt. Macht nichts. Der Film hat etwas Berauschendes, wie ich es aus dem deutschen Kino nicht kenne. Die Schauspieler, die ich alle schlecht in schlechten Filmen gesehen habe, sind hellwach, ungewohnt sinnlich. Ausgerechnet Karoline Eichhorn, sexy. Rätselhaft, warum der Film so angefeindet wurde. Alleine seine Fotografie! Ich habe DV noch nie so eigensinnig gesehen. So machen Autofocus, Zoom und Pixelei plötzlich Sinn: fiebrig. Lichtfänger. Fliegenaugen. Auch der Landschaftsblick, das literarische daran, hat mir sehr gefallen: Formulierung, Reformulierung. (...)
Was mich jetzt ein bisschen wundert: Das Bekenntnis zum „Mainstream", die kalte Schulter zur „Kunst". Denn Kunst will „Der Felsen" doch unbedingt sein. Nein? Ich frage ganz unschuldig.
Christoph

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Lieber Christoph, lieber Christian
Freut mich sehr, daß der "Felsen" Dir weitgehend gefallen hat, Christoph! Ehrlich. Christian, Du hast mir aber mal was sehr Lustiges zum "Felsen" erzählt, nämlich, daß Du irgendwann später versehentlich im ersten Moment einen Blindenkommentar im TV zu einem neueren Chabrolfilm - "Sie geht die Strasse hinunter... sie klingelt an einer Tür... es wird geöffnet" -quasi mit dem OFF-Erzählstil vom "Felsen" verwechselt hast. Erinnerst Du Dich? Darüber lachen Caroline und ich heute noch manchmal, weil es die Kunstanstrengung meines Films ziemlich gut beschrieben hat. "Kunst", ja, also, eh... ich dachte einfach, dieser Film müsse so sein und nicht anders. Denke ich auch heute noch grundsätzlich. Ich wollte über diese unscharfe, seltsame Sinnlichkeit der DV-Bilder eine Schicht legen, die wieder Abstand nimmt, eine Kälte der abstrakten Struktur setzen gegen die Hitze der Nähe zur Haut der Figuren. Eigentlich war das Ganze am Ende für mich mehr ein Essay als ein Spielfilm, ein Entwurf, ein "glotzt-nicht-so-romantisch!"-Kommentar zu diesem spiessigen Kinobegriff, der so überhand genommen hat, diese unantastbare Heiligkeit der Bilder usw. Manche Kameraleute - und nicht nur die - haben Benedict "Verrat am Filmbild" oder sowas ähnliches vorgeworfen.
Aber Du siehst ja, Christoph. Dir war vom Felsen "abgeraten" worden wie von einem unzuverlässigen Steuerberater oder von einer schmierigen Dönerbude. Nicht nur Dir. Das machte an der Sache dann keinen so grossen Spaß, muß ich sagen. Da hatte ichs nun schon mal mit einem ordentlichen Kunstfilm versucht und hatte dann in diesem Areal den sogar verschärften Eindruck, die Kleinbürger mit ihren Kriterien sind schon alle da und schnattern einem im Chor die Ohren voll von ihrer kleinen Vorstellung von Kino und von Sympathie für Figuren und von Filmkunst auf der Leinwand und wie das alles zu sein habe und so jedenfalls auf keinen Fall... Alles war irgendwie noch so wie früher im deutschen Film, die Krämpfe, die Beleidigungen, die Grabenkriege auf der Berlinale. Es hat mich ehrlich gesagt ziemlich angewidert, damals 2002.
Also bin ich dann wieder zurück zum Polizeithriller, ins Rotlicht etc pp. Nicht nur, weil mir bei den Filmen die Arbeit so viel mehr Spaß macht, weils grundsätzlich mehr zu lachen gibt, sondern auch aus inhaltlichen Gründen: da dürfen nämlich die Figuren gross und kalt sein, abweisend wie Karoline Eichhorn, der Felsen im Felsen sozusagen; im Polizeifilm stört sich niemand dran. Noch. Aber, Christoph, ich bekenne mich nicht wirklich zum "Mainstream", dann hab ich mich mißverständlich ausgedrückt. Die Nähe - und auch manchmal die explizite Gegnerschaft - zu den kommerziellen Sehnsüchten und Maßgaben spornt mich und vor allem auch die Autoren, mit denen ich arbeite - die sind ja extrem, extrem wichtig bei all dem, wichtiger als ich z.T. - insgesamt mehr an als die ästhetisch-inhaltlichen Auseinandersetzungen im - ich meins wirklich nicht negativ - Arthouse-Milieu. (...)
Herzlicher Gruss! Dominik

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Lieber Dominik,
Man könnte sagen: ohne Paranoia keine Erzählung. Ohne den Tunnelblick der Leidenschaft, der die Welt in eine Perspektive zwingt, ohne Sonne, die aller Dinge Schatten in eine Richtung treibt, kann so etwas Künstliches wie Erzählung nicht entstehen. Folgt man diesem Gedanken, so stellt sich die Frage, wo deine Sonne steht, in „Kalter Frühling" zum Beispiel. Ich habe keine gefunden. Natürlich gibt es Interessen, und nicht zu knapp, aber die scheinen die verzweigte Handlung zu konterkarieren, die Kamera hat ein Eigenleben, was zuerst erfrischend und schliesslich wahllos wirkt. Man gewöhnt sich daran, dass eine Zufahrt alles und nichts heissen kann... die Postkarte aus Barcelona (Antoni Gaudi) könnte ein Seitenstrang sein, der im Schneideraum geblieben ist, oder eine Laune. Ich vermute, du siehst dich selbst eher unter einem Nachthimmel arbeiten - vieldeutige Schatten, keine monotheistische Beleuchtung... aber läuft das nicht auf Schizophrenie heraus?
Natürlich, der Lebenshunger, den du eingefordert hast, ist so etwas wie ein Faden, aber mehr als das Spekulative aufreihen kann er nicht - dabei soll eine Handlung doch Sinn MACHEN. Dafür fehlt mir die Regie, die Partei ergreift, ordnet, von der Schwerkraft eines Themas getrieben. Immer wieder beschleicht mich der Verdacht, dass die Inszenierung besser ist, als das Buch, da werden Kolportage-Szenen Lichter aufgesetzt, das Ruder wird herumgerissen, immer gibt es etwas Interessantes zu sehen, wie zur Entschuldigung - ich vermisse Einheit, Einfachheit, Beschränkung. (...)
„Die Freunde der Freunde": Schön, wie sich das Geheimnis ins Vertraute schleicht. Verführerisch: Der Traum eines gefährlichen Lebens, hier, mitten unter uns. Florian Stetter und vor allem Sabine Timoteo leuchten, anziehend; sie laden gerade in ihrer Skizzenhaftigkeit zur Aufladung ein. Timoteo habe ich nirgends so gut gesehen. Schweighöfer ist okay, viel mehr als zwei Gesichtsausdrücke hat er nicht, aber das fügt sich in die Rolle. Jessica Schwarz spielt so, als würdest du sie (privat) sexy finden. Dieser Flirt stört mich. Der Film hat mir sehr gefallen, wobei ich auch hier denke, dass er mit ein, zwei Abzweigungen weniger emotional stärker wäre. (...) Der Schluss ist gut. Man geht als Mitverschwörer aus dem Film. Das ist vielleicht dein Genre: GEHEIMNIS (bin im Geheimen heimisch / verberge mich vor mir)
Letztlich gibt es in vielen Filmen eine Inkongruenz zwischen DEINEN Idiosynkratien und den Beulen der Vorlagen, finde ich. Dein Regiestil ist nicht dienstbar, und doch verfilmst du anderer Leute Bücher, also Materialien, die dir nicht gleichmässig vertraut sind. Warum eigentlich? Im „Felsen" kommt das alles viel näher zusammen, da bist du mehr bei dir. Weil du stärker ins Buch eingegriffen hast?
Zum Fahnder bin ich noch nicht gekommen - das Töchterchen, 6 Wochen alt, reduziert meinen Filmkonsum drastisch. Ich hoffe, mein Tonfall erscheint dir nicht unverschämt - das gefährliche am E-Mailen ist die Geschwindigkeit. Ganz liebe Grüße,
Christoph

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Lieber Dominik, lieber Christoph,
Gestern war ich PATE, in einem Projekt von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler, mein Patenkind war „Unter den Brücken" und während ich vor den Kameras darüber sprach, da merkte ich, wie unsere Korrespondenz doch dieses Sprechen beeinflusst hat - es ging uns ja auch immer um Positionierungen, und hier war der Käutner Film und es war 44 und die anderen drehten Kolberg und strebten zu Zentrum und Geschichte und der Käutner geht raus, aus Berlin, aus dem System. Was plötzlich zu sehen war: Das Unterspielen der Schauspieler, das Licht, der Wind, die Plansequenzen. Ich hatte mal gelesen, dass es in den Geschichten, in denen es um zwei geht, Mann und Frau, dass in diesen Geschichten eine Familie begründet wird (zumindest gewünscht). Und in den Geschichten, in denen es um drei geht, da wird eine Gesellschaft gegründet, entsteht. Der Film ist eine Passage, er erinnert an das Verlorene, an die Menschen am Sonntag, an den Stummfilm, und er erfindet sich das Neue, die Geräusche auf einem nächtlichen Boot, die zu Musik gemacht werden. An etwas amerikanisches, physisches.
Jetzt las ich den Brief von Christoph und hätte gleich Lust, „Kalter Frühling" und „Die Freunde der Freunde" zu sehen.
Die eine Sonne - stimmt das denn? Die Regie, die Position, die Du vermisst. Kann man so Filme sehen?
Als ich 19 war und Halloween sah: da gab es Bilder von Herbst und Laub und leeren Schulhöfen und Vorstadt und die standen wie in einer Comicexposition von Adrian Tomine für sich und dann geht Jamie Lee Curtis zum Mörderhaus, um etwas unter der Fußmatte zu deponieren und man sieht sie aus dem Haus, durch das kleine Fenster in der Haustür, und das Bild, das objektiv war, ist plötzlich subjektiv, ist Blick und als Jamie Lee Curtis ganz nah ist, da tritt der Mörder vor die Kamera und das Bild ist wie klassisches Overshoulder. Diese Perspektivwechsel, die romanhafte Exposition, dann einfaches, amerikanisches Erzählen in Augenhöhe, dann aufgeladenster Blick, dann wieder zurück. Das hat mich schon immer beschäftigt. Wer schaut, wer erzählt, jetzt, in diesem Moment. (...)
Liebe Grüße
Christian

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Lieber Christian, lieber Christoph
"Falscher Bekenner" gesehen. Toll gemacht, finde ich, wirklich, fabelhafte Schauspieler und wie die dann auch alle super inszeniert sind, z.B. in der grossen Familienszene gegen Ende das
Durcheinandergequatsche. Alles alte Bekannte von mir in NRW: W.Gontermann, Wiesia Weselowska auf dem Sofa neben Zapatka, Laura natürlich. Alle besser denn je. Und die Fantasien und die kleinen Rückblenden finde ich auch sehr gut integriert. Und alles 1oo Prozent stilsicher. Wenn ich denke, wieviele Filme wir damals gebraucht haben, um auch nur halbwegs inszenierungssicher zu werden, dann bin ich über "falscher Bekenner" als zweiten Langfilm im
hier geradezu spielerisch bewältigten Schwierigkeitsgrad der Szenen - im Einklang mit Kamerakonzept usw. - schon wirklich baff. Die Story des Films könnte konstruiert wirken, aber dazu geht das Ganze viel zu geschickt und zu zurückhaltend damit um. Bevor man sich diese Frage ernsthaft stellen kann ist der Film schon vorbei.
Die Langsamkeit, bzw. die durchgehaltene Länge von gewissen Szenen oder gewissen Bildern kann ich dagegen nicht wirklich nachvollziehen. Ich könnte mir sogar vorstellen - vom eigenen
Geschmack jetzt völlig abgesehen - daß Du, Christoph, auf eine sehr moderne Klassizität des Erzählens hinsteuerst, und daß Dir auch irgendwann die Längen mancher Schwenks, mancher Gänge, und das Stehenlassen mancher Einstellungen im Nachhinein manchmal überflüssig
erscheinen werden? Z.B. Autobahn-Momente, Autobahntoilette, Treppengänge zu Hause usw.. Ich meine damit wirklich keinen Clip-Rythmus und auch keine Hoppla-hopp-Montagen, die mir die Sache einfacher machen würden.. Ich meine nur, vielleicht gibts für Dich noch eine in sich andere Metrik der Erzählung sozusagen? Da gibts eine Divergenz bei Dir, finde ich, das war auch bei "Milchwald" schon so. Story und Atmosphärisches treten manchmal in Konkurrenz zueinander. Ob das genau so beabsichtigt ist weiß ich nicht. Die Frau in "Milchwald" steht - auf der ersten Suche nach den Kindern - für mich etwas zu lang pittoresk im Feld und raucht heftig.
Das droht die Plausibilität - auf der diese Geschichte ja durchaus erstmal aufbaut- zu zerstören. Für ein Bild.
Die Homogenität eines Films ist mir aber insgesamt auch nicht so wichtig wie Dir, Christoph. Im Gegenteil. Wenn Du bei mir schreibst, man weiß nicht, wo die Sache bei "kalter Frühling" hinwill, daß sich Kolportage abwechselt mit Geheimnis, mit einer Art von optischer Beliebigkeit, die Zooms etcpp...... daß die Barcelona- Postkarte in Matthias`Zimmer vielleicht etwas bedeuten könnte und man bekommt aber die Linie, auf die sie hindeuten könnte, gar nicht geliefert: dann
beschreibst Du - so blöd das klingt - natürlich genau, was ich damit auch tatsächlich will. Ein Film schwebt mir als ein in sich heterogenes Wesen vor, so heterogen wie ich persönlich auch das Leben empfinde. Das ist natürlich ein Balanceakt und kann total auseinanderfallen. Einen Film, so abwechselnd in verschiedenste Momente, in "Kolportage", vielleicht sogar manchmal Kitsch oder dann auch ganz und gar authentische Augenblicke zersplittern, das war schon das, was ich - speziell bei "kalter Frühling" - wollte. Um gewissermassen die verschiedenen Ebenen des Lebens auch "verschieden" zu zeigen.
Das soll nicht heissen, daß ich mit meinen Filmen zufrieden bin, um Gottes willen. Ich weiß nur nicht, ob die Kriterien, mit denen Du, Christoph, rangehst, den Filmen gerecht werden können? Phillip K. Dick - der inzwischen leider permanent beschissen verfilmte SciFiAutor, ihr kennt ihn?- hat an Stanislaw Lem mal geschrieben: "Lieber Herr Lem, bei uns in Kalifornien offenbart sich Gott manchmal in Gestalt einer Spraydose." D.h. der Kolportage-Anteil, der "Billig"-Anteil mancher Plots oder Ideen entspricht bei mir sozusagen dieser "Spraydose". Film als Supermarkt; und in irgendeinem Regal des Warenangebots eines Films liegt Wahrheit - ja, nicht einmal verborgen, vielleicht als offenes Geheimnis sozusagen. Aber doch immer möglichst überraschend. Oder für jeden Zuschauer eine andere Wahrheit, möglich machen, einen anderen Moment?
Ich bewundere oft die Homogenität und die künstlerische Disziplin bei gewissen grossen Filmen - beispielsweise bei all jenen Masters of the Universe, die Du, Christoph, neulich für Dich als Vorbilder genannt hast. Aber ich könnte sie allesamt glaube ich nicht für mich in Anspruch nehmen.
Zu Christophs anderen Gedanken zu meinen beiden Filmen: das mit der "einen Sonne" seh ich natürlich nicht so. Kann ich gar nicht. Denn meine Lieblingsblicke auf die Welt im Kino, im Roman waren eben immer multiperspektivisch. "Schizophrenie" als Folge? Glaube ich nicht.
Zersplitterung der einzelnen Momente in Details, die fast schon eben jene "Beliebigkeit" zu haben scheinen, das schon, ja. (...) Deshalb mag ich ja vielleicht auch die Polizeithriller so sehr, weil sie diese vielseitigen Perspektiven oft einfach schon von Grund auf erfordern, sie berechtigen.
Und der den Drehbüchern der anderen eigentlich "nicht- dienstbare" Regiestil. ...Tja, das ist ein haariges Kapitel. Ich hab mich eine ganze Weile lang nach den "Siegern" den Drehbüchern meiner Autoren untergeordnet. Ich war Autorenverfilmer sozusagen. Der absolute Chef war für alle das Buch. "Frau Bu" war so gedreht, und "Sperling und der brennende Arm" u.a. Und ich hatte aber bald das Gefühl, das bekam den Filmen letztlich nicht wirklich. Aber das ist eine andere Geschichte. (...)
Herzlich! Dominik

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Lieber Dominik, lieber Christian,
„Kann man so Filme sehen?" schreibt Christian über meine Sonnen-Metapher. Ich bin mir nicht sicher. Aber ich frage mich oft, wie man Töne und Bilder, wie man Kino so organisieren kann, dass ein schlüssiger Zusammenhang entsteht, der nach innen (in der Binnenstruktur des Films) wie nach aussen (in Korrespondenz zur Alltagserfahrung) einheitlich = nicht willkürlich in seinem Masstab ist. Das ist nicht gleichbedeutend mit stilistischer Reinheit, auch wenn ich mich davon angezogen fühle, aber es hat mit Transparenz zu tun. Vielleicht ist das der Grund, warum mich die Figur des Senegalesen, und das Prinzip des „Zeige deine Werkzeuge", das er verkörpert, in „Der Felsen" so fasziniert hat. Spielerisch werden die Prinzipien des eigenen Erzählens ausgebreitet. Die starke Wirkung, die ein Spiel für den Eingeweihten auslösen kann, liegt in dieser Überschaubarkeit der Regeln; der „informierte" Zuschauer weiss, was Abseits (im Fussball) bedeutet... Wenn man dann in den USA fern sieht und Baseball nicht versteht, ist die Folge Langeweile, auch wenn athletisch Spitzenleistungen geboten werden und das ganze gut fotografiert ist. Es geht also durchaus nicht nur um Hitchcocks Angst-Suspense, es geht um die Überraschung im Raum der Erwartung. Und in diesem Sinne lehne ich die Heterogenität ab, die du, Dominik, so schätzt, ganz einfach, weil so der Raum der Erwartung immer wieder zerstört wird. Die Folge ist eine Überraschung, die sich auf einen sehr viel ungefähreren Rahmen der Referenz stützt, nämlich Seherfahrung, Genre-Konvention etc. Ich glaube übrigens, dass dieser Punkt über Geschmacksfragen weit hinaus geht. (...)
Zu den langen Einstellungen in „Falscher Bekenner": ich finde auch, dass sie nicht immer tragen. Zum Teil, gerade im Dunklen, finde ich die Länge richtig, auf der grossen Leinwand (auf Video ist es Suppe). Aber es gibt Passagen, die nicht das richtige Timing haben, keine Frage, und die vielleicht nur den eingeschlagenen Weg weitergehen, der ja auch einer der Drehweise ist: Ohne Alternativen. Da habe ich im Schnitt manchmal sehr gelitten und insgeheim allerlei pragmatische Konsequenzen gezogen, fürs nächste Mal. Rhythmus im Prozess des Drehens zu beurteilen finde ich oft schwer, zumal dann, wenn man unter Zeitdruck steht. So gesehen kann die „Reinheit" natürlich auch eine eitle Sackgasse sein. (...)
Dieses Spraydosen-Zitat ist unschlagbar. (...)
Christoph

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Lieber Dominik, lieber Christoph,
(...) Die eine Sonne gegen die vielen. Einheitlichkeit gegen Willkür. Man merkt, dass Dir, Christoph, auch nicht wohl dabei ist. Wir hatten an der Filmakademie jahrelang den Satz Rohmers hängen, dass es nur „eine einzige richtige Kameraposition für ein Bild gibt und die gilt es zu finden". Die Flure unserer Filmakademie ähnelten auch den Kreuzgängen eines Klosters im Chiemgau. Der Satz hat mich beschäftigt. Irgendjemand hatte mit Kugelschreiber dann druntergeschrieben, dass er eine zweite gefunden hat.
Aber das innen/außen, von dem Du sprichst, das gefällt mir gut. Mit der Binnenstruktur und der Alltagserfahrung. Dieser Schwebezustand, den gilt es zu erhalten, beim Schreiben, beim Proben, beim Drehen, am Schneidetisch. Das ist die Arbeit. (...)
Das Spraydosenzitat ist wirklich unschlagbar.
Liebe Grüße
Christian

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Lieber Christoph, lieber Christian
(...) Gordon Willis hat auch immer davon geredet, daß es nur "ein mögliches Licht" für eine Situation gibt. Das sind so Sätze, die klingen immer gut und Filmstudenten schreiben eifrig mit und diese Sätze sind beim Arbeiten nahezu sinnlos. Bei den grossen Szenen, die ich gedreht habe, also mordsmässig Komparserie und Action oder so - da gings am Schluss immer nur noch darum, vor Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang irgendwie fertig zu werden, weil die Sache sonst uferlos teuer wird. Da galten keine Regeln mehr. "Im Strafraum kennst du keine Verwandten" - wer hat das gesagt? Netzer? Also, ich bin immer dafür, den Leuten auf den Schulen erstmal beizubringen wie sie handwerklich erstklassig und halbwegs in Würde einen Drehtag überstehen, an dem ihnen produktionstechnisch das Wasser bis zum Hals stehen könnte. (...)
Herzlicher Gruss! Dominik
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