gegenüber
Revolver:
Was findest du, könnte, sollte Filmkritik leisten? Das ist so eine Frage, die ich neulich einigen Filmkritikern gestellt habe und alle haben keine große Vision mehr gehabt.
Tom Tykwer:
Das nervt mich unglaublich übrigens, also das finde ich total frustrierend. Ihr seid auch eigentlich Macher oder werdende Macher. Das ist ganz interessant, daß wirklich die vitalste und interessanteste Filmzeitschrift ausgerechnet aus der Macherecke kommt. Das finde ich total bezeichnend. Ich meine, es gibt immer noch Leute, an die ich wirklich glaube und die auch wirklich gut schreiben, aber ich merke auch, wie die auf so einem einsamen Bötchen sitzen und irgendwie so sehen, wo überall schon Löcher in dem Boot drin sind und wie das langsam am untergehen ist, weil da so ein idiotischer Graben entstanden ist zwischen uns und denen.
Wir sitzen im selben Boot, nur meinetwegen auf zwei verschiedenen Seiten, aber wir müssen unbedingt wieder in die Kommunikation einsteigen. Wir müssen intellektuell wieder zu Standpunkten geraten und uns überhaupt intellektuell wieder herausgefordert fühlen, auch von einem Gegenüber, also wir Filmemacher ganz konkret, aber auch die Theoretiker und die Kritiker, als das, was sie sind, nämlich als diejenigen, die unsere Filme möglicherweise für viele Menschen erst erfahrbar machen. Daß jemanden an einen Film heranzuführen fast genauso notwendig ist, wie den Film überhaupt zu machen. Das Problem ist, wenn man diese Wertigkeit nicht anerkennt, schreibt man Texte, die das auch nicht mehr leisten, weil man dann überhaupt nicht mehr das Feuer dafür hat. Und wenn dieser Zynismus in die Kritiken reinkommt, dann laufe ich Amok. Leute, die ihre Texte mit einer Haltung schreiben, die sagt: ist doch sowieso egal, was ich schreibe, denen kann ich nur sagen: geht sofort und macht bitte einen anderen Job, denn ihr zerstört das, was wir machen. Man arbeitet sich zwei, drei Jahre an irgendwas wirklich die Finger wund, gibt alles, und es kann ja Scheiße sein, aber du brauchst den Respekt, daß du es versucht hast, und das muß in dem Text drinstecken. Ich akzeptiere jeden Verriß, der anerkennt, was mein Versuch war und der meinetwegen sagt, es ist alles mies und alles mißlungen oder so und das meinetwegen irgendwie begründet, aber ich will gesehen werden, ich will niemanden haben, der sagt, es ist sowieso egal, was ich schreibe, auch egal, was ich sehe, und dann in diesen Subjektivismus übergeht, zu sagen, ach das hat mich jetzt gelangweilt. Welchen Idioten auf der Welt interessiert, ob sich Herr Meier aus sonstwo gelangweilt hat im Kino. Was interessiert ist: Warum! Natürlich kann ein Film langweilig sein, aber ich will erfahren, warum. Ich lese so oft Kritiken über Filme, die einfach nur dazu da sind, den Leuten zu sagen, geht da rein oder geht da nicht rein, anstatt überhaupt erstmal die Augen zu öffnen, was ist der Kosmos des Filmes und was ist möglich in Filmen und was kann Film eigentlich sein, und irgendwie dem Leser die Wahl zu lassen, sich mit einem Text wie mit einer Möglichkeit auseinanderzusetzen und nicht wie mit einem Urteil.
Was ich herausfordere, ist, daß der Diskurs wieder angeheizt wird, daß wir uns mehr streiten, daß wir darüber reden, und das eben nicht nur weil ich gerade einen neuen Film gemacht habe, das ist auch immer blöd, weil man seinen Film verkaufen muß. Es muß auf unabhängigen Foren passieren, so wie wir jetzt halt auch nicht so viel über "Lola" reden, sondern über Film, und Gedanken über Filme austauschen. Du siehst es einfach in Frankreich, auch in Italien noch, da sitzen die noch viel, viel mehr an einem Tisch und streiten sich unheimlich viel, und es ist ja überhaupt nicht so, daß die französischen Filmkritiker jetzt irgendwie ständig ihre Filmemacher loben oder so. Die sind auch sehr hart miteinander, aber immer eben auf einem bestimmten Niveau, daß den Respekt bewahrt und man herausgefordert bleibt, den anderen zu überzeugen oder eben auch mal was zuzulassen an Kritik. Das fällt einem hier natürlich viel schwerer, weil man ständig das Gefühl hat, es gibt nur irgendwelche verhaltensgestörte, zurückgezogene, verklemmte, eigentlich vollkommen diskursunfähige Miesepeter, die einem nur Giftpfeile rüberschmeißen.
Oder auf der anderen Seite eben die Serviceleute, die nur sagen, dieser Film handelt von ... und eine Inhaltsangabe drucken.
Ja oder die sich dranhängen an irgendwelche PR-Kampagnen. Die meisten Kritiker, die bei mir anfangen rumzuheulen, sagen nur, daß es doch eh egal ist, weil doch der Verleih inzwischen bestimmt, wieviel Platz die Artikel in den Zeitungen bekommen und so. Das ist eine derartige Verkennung der Situation. Es ist nur die Frage, wie stark man sich für bestimmte Sachen macht und wie sehr man dafür kämpft, daß man diesen Platz auch bekommt. Daß es eine Informationspflicht über solche Filme wie "Armageddon" und "Godzilla" gibt, das möchte ich gerne mal irgendwo schriftlich sehen. Es gibt sie nicht, es ist eine freie Entscheidung. Natürlich kommen Chefredaktionen und verurteilen irgendwelche Redakteure oder Schreiber dazu, dann über so einen Quatsch noch was zu schreiben, weil der Film jetzt ein Event ist... Dann schlägt man eine Filmzeitschrift auf und sieht, daß der Film "Godzilla" auf zehn Seiten besprochen wird und irgendein französischer Autorenfilm in einer Spalte. Und trotzdem finden sie "Godzilla" Scheiße, auf zehn Seiten wird gesagt, der Film ist Scheiße, und der französische Film ist super, aber das Verhältnis wird nicht umgekehrt. Das ist ein Kampf, den man führen muß , denn daß über "Godzilla" und "Armageddon", darüber braucht man sich keine Sorgen zu machen. Aber wie soll ich meine Arbeit relativieren, wenn sich mir niemand gegenüber setzt und sagt, laß uns mal generell über Filme und das Filmemachen diskutieren. Darüber, wie die Zukunft des Kinos aussehen kann.
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