mund zu
Revolver:
Was ich dich schon immer mal fragen wollte: Wieso spielst du in deinen Filmen mit?
Dani Levy:
Offensichtlich macht es Spaß. Ich gehe da nach dem Lustprinzip vor. Es ist ein Traum, eine Sehnsucht, das zu tun und ich glaube, ich bin, trotz aller Rückschläge - und ich bin nun wirklich jemand, der genug auf den Deckel kriegt, gerade dafür - so erfüllt von dem, was ich mache, weil mache, wonach ich mich sehne. Selbst wenn es falsch sein sollte.
Es ist ja auch wahr, daß man seine Energie spaltet und daß man als Regisseur weniger verfügbar ist, wenn man selber spielt. Und da hilft auch eine Videoausspiegelung nur sehr begrenzt, weil man sich natürlich nicht jeden einzelnen Take noch mal ankucken kann. Tatsache ist, daß auch den Schauspielern, die mit dir spielen, eine Kontrollinstanz fehlt. Da ist plötzlich der Papa nicht da. Der Stuhl vor dem Monitor ist leer. Es gibt zwar einen Kameramann, aber keinen Regisseur. Das ist ungewohnt.
Was ist für dich ein guter Schauspieler? Gibt es da überhaupt Maßstäbe?
Da gibt es einerseits das Kriterium Echtheit und Ehrlichkeit. Aber es gibt in Deutschland ein anderes Schauspielverständnis als das Schauspielverständnis, das ich habe. Wenn die Leute das Gefühl haben, daß der Schauspieler sich selber spielt, glauben sie, er spielt nicht richtig. Oder anders gesagt, Götz George ist die Leitfigur, weil man immer sieht, wie er spielt. Er ist ein Techniker, er ist ein virtuoser Techniker. Handwerker. Ein sehr, sehr versierter Pianist. Er hat viel geübt, hat viel auf dem Kasten, er ist ein echter Arbeiter, er ist leidenschaftlich, aber er spielt. Er organisiert alles, er ist ein Controllfreak, über sich selber auch. Das mögen viele Leute, grade hier in Deutschland. Das ist eine Art von Spiel, das hier sehr angesagt ist. Sehr theatralisch letztlich. Ich dagegen stehe auf Schauspieler, die fehlerhaft sind, die dafür persönlich und echt sind. Deswegen stehe ich auch auf Laien. Ich stehe auf den unmittelbaren Ausdruck, der vielleicht gar nicht so gekonnt ist, wie das Götz George machen würde, der aber dafür eine Menschlichkeit hat, und eine Wiedersprüchlichkeit, in der jeweiligen Situation, die oft nur Leute haben, die gar nicht so "gut" sein können, auf eine Art. Natürlich bin ich ein riesen Fan von Leuten, die Rollen spielen können, die nicht sie selber sind, man aber das Gefühl hat, sie sind es. Also da bin ich auf der amerikanischen Schauspiellinie, von Lee Strasberg beeinflußt - du bist die Rolle, du spielst sie nicht, du wirst sie. Deswegen hab ich auch so ein großes Problem mit deutschen Komödien, weil ich immer die Distanz zwischen dem Schauspieler und der Figur spüre. Ich habe immer das Gefühl, grade wenn die Komödien noch son bißchen doof sind, daß die Schauspieler mir in jeder Szene, oder sehr oft, auch bei ihrem Spiel, noch klar machen, daß sie es ja gar nicht so toll finden, was sie grade machen. Sie spielen immer noch eine Interpretation zur Figur. Und das mag ich nicht. Selbst in doofen Filmen aus Amerika hab ich oft das Gefühl, die spielen das so, als würde ihr Leben davon abhängen. Das finde ich toll. Das hat natürlich manchmal etwas extrem Größenwahnsinniges, aber eigentlich ist das die Richtung, die mich interessiert. Abgesehen davon gibt es gute Schauspieler, die ich einfach nicht ... mag. Weil ich sie nicht mag.
Wo bist du denn da in diesem Spektrum, bist du der Profi oder eher der Laie?
Ich bin eindeutig eher der Laie, klar. Wenn ich ein anderes Bild hätte von Schauspielerei, würde ich selber nicht spielen.
Sebastian Schipper:
Vom Schauspieler aus gesehen ist ein guter Regisseur jemand, der kapiert, daß es darum geht, etwas Wesentliches zu erarbeiten. Der eben nicht drauf glotzt, daß endlich das gemacht wird, was er sich vorher ausgedacht hat. Am Schreibtisch. Oder in anderen Filmen gesehen hat, noch viel schlimmer... Sondern der in der Lage ist zu sehen, was im Moment passiert. Möglichst frei. Und das ist ganz schwer. Wirklich zu kucken, was passiert grade. Und in dem ganzen abstürzenden Flugzeug, was die Drehsituation irgendwie immer ist... naja, auf allen Ebenen die Menschenliebe, und das Verständnis nicht zu verlieren. Und ich glaube, daß man die erst hat, wenn man mal für sich in irgendeiner Form verstanden hat, was für ein ungeheuerlicher, monströser Job es ist, Schauspieler zu sein. Wie unglaublich nackt, hilflos und ängstlich man ist. Und daß man sich nicht toll vorkommt. Schauspieler kommen sich nicht toll vor, wenn sie gut sind. Ich glaube, es gibt keinen Schauspieler, der nicht Angst hat vor der Kamera. Und daß man dieses Fiasko, was es immer wieder heißt, Schauspieler zu sein, daß man das respektiert. Einen Satz zu sagen kann manchmal das Schlimmste auf der Welt sein. Also ich vergleiche Schauspielen immer mit Elfmeterschießen: Das ist das Leichteste, was es gibt. Alle stehen herum und sagen, jetzt er soll einfach nur diesen Elfmeter reinschießen. Und es gibt nichts Schwierigeres, als einen Elfmeter zu schießen. Stell dir vor, es gäbe im Fußball immer einen, der immer nur reinkommt, um Elfmeter zu schießen. Den würden alle hassen, oder sie hätten zumindest ein wahnsinnig schwieriges Verhältnis zu ihm. Weil er immer nur kommt, um abzusahnen. Er schießt das Ding rein und dann jubelt er auch noch wie ein Schwein. Und alle Elf stehen daneben und denken, die alte Pottsau. So ähnlich ist die Situation für einen Schauspieler: Der kommt immer erst, wenn alles fertig ist, sagt einen Satz, und kriegt die dicke Sahne. Aber wie einsam es ist, in ein Team zu kommen, in dem dir eigentlich alle irgendwie merkwürdig gegenüberstehen... Ich glaube, ihr Jungregisseure müßt einfach alle mal spielen, und dieses Fiasko erleben. Ihr müßt einfach mal ein paar Elfer schießen.
Bei unserem letzten Dreh gab es eine Szene, in der die Darstellerin durch eine Tür kommen und sich umschauen sollte. Sie hat das dann mit geöffnetem Mund gespielt, nicht übertrieben, durchaus realistisch. Und dieser offene Mund, dieser Zentimeter, eigentlich nur eine Entspannung der Muskeln, wurde dem Regisseur plötzlich viel zu stark, vielleicht weil er mit der Kamera so nah dran war. Und er hat dann gesagt: Mund zu. Und die Schauspielerin ist fast an die Decke gegangen. Was das für eine Regieanweisung sei: Mund zu. Ich konnte sie da hundertprozentig verstehen, aber ihn auch.
Da verstehe ich auch beide gut, aber ich verstehe sie besser. Der Punkt ist, es geht nicht um den offenen Mund. Es geht um die Haltung. Es geht dem Regisseur darum, wofür der offene Mund steht. Vielleicht irgendwie für ein zu starkes Erstaunen. Oder einen zu starken Überdruß. Sie hätte vielleicht eine andere Motivation gebraucht. Es geht immer darum, den Schauspielern etwas Positives zu geben. Die Grundansage "Hör mal damit auf" ist irrsinnig schwierig für sie. Weil zum Aufhören sind sie nicht da. Sie sind da, um etwas von sich zu zeigen. Und Ansagen wie "Hör mal auf damit", "Sei mal nicht so witzig", oder "Hampel mal nicht so viel rum" - alle diese Dinge sind irrsinnig ... spielverderberisch.
Sie ist eine Schauspielerin. Sie soll spielen. Du mußt sie also in Bewegung halten. Du kannst natürlich sagen, Mann, ist das alles immer anstrengend, warum muß ich mir immer was ausdenken, wieso kann ich nicht einfach sagen, wie es ist, zum Beispiel "mach den Mund zu." Aber so ist es eben. Du mußt ihr einen Gedanken, irgendetwas geben, womit sie etwas anfangen kann. "Laß dir ganz viel Zeit" vielleicht, anstatt "Hampel nicht so viel rum". Es ist eben was anderes, als "Mach mal heller". Der Beleuchter macht die Lampe heller, aber die Schauspielerin arbeitet mit sich selber. "Mund zu" ist etwas anderes, als "Mach mal die Autotür zu, die stört das Bild". Das ist nicht nur ein Wirbel im Hirn, sondern das, was uns im Film später fasziniert: Das Echte, Lebendige. Und wenn die Phantasie der Schauspielerin in dem Moment nicht lebt, weil sie das technisch löst, dann kommt sie in die Szene und hat vor allem den Mund zu. Und der Regisseur hat genauso wenig wie vorher.
Wolfgang Becker:
Ricky Thomlinson spielt in "Baustelle" nur mit, weil ich in Deutschland niemanden gefunden habe, der in so einem Alter wirklich einen proletarischen Charakter so überzeugend repräsentieren kann. Das ist ein ganz anderes Problem, weil proletarische Menschen, Menschen proletarischer Herkunft, die auch sehr spät in den Schauspielerberuf einsteigen, die haben es ja hier sehr schwer. Die Schauspielschulen gehen alle auf Theater und da ist ja unsere Gesellschaft umgekehrt proportional vertreten. Während in der Gesellschaft nur jeder Zehnte großbürgerlich ist, sind auf den Schauspielschulen Neun von Zehn aus großbürgerlichen Verhältnissen. In England gibt es sowas wie die Arbeitertheater, die Arbeiterscetchtheater - da kommt er auch her. Jürgen Vogel und Richie Müller sind in Deutschland so (proletarische) Ausnahmen, eben weil die als sehr junge Leute entdeckt worden sind. Das sind die seltenen Fälle, die wir hier haben.
Sebastian Schipper:
Schauspieler hören irgendwann auf, Sachen zu lernen. Also grade deutsche Filmschauspieler find ich. Die bewegen sich in der Welt der Taxis und der gemachten Betten und irgendwann fangen sie auch an, so zu spielen. Und dann kann man keine Geschichten mehr mit denen erzählen. Alle jammern, es gäbe keine guten Figuren. Ja, es muß mehr gute Figuren geben, aber verdammt und zugenäht, es muß auch mehr Schauspieler mit dem Willen geben, solche Figuren zu erarbeiten! So eine große Figur, die spielst du nicht mal eben so, weil du am Tag vorher mit einer Freundin gesprochen hast, die den Dialekt irgendwie kann. "Ja, wie sagt man das eigentlich bei euch? - Ah ja, alles klar". Wo gibt es die, die wirklich ran gehen? Die sich wirklich fordern und sich selbst in Frage stellen?
Die Meisten haben ein bißchen was Gutes gemacht und sind "Stars" und dann werden sie schon wieder faul. Wo fangen die an, sich selber zu fordern? Das ist für mich die absolute Quintessenz, worüber man beim Filmemachen in Deutschland reden sollte: Weiterbildung von Schauspielern, die sich dafür entschieden haben, nur noch Filme zu machen.
Also ich wollte auch mit meinen Jungs ganz viel proben, wir haben auch viel geprobt, aber ich weiß, daß ich für meinen nächsten Film noch viel mehr mit denen arbeiten will, viel mehr von denen fordern will.
Kann man Schauspiel messen, gibt es da Maßstäbe?
Die Frage ist immer, schafft es ein Schauspieler, mich für seine Rolle zu interessieren. Und manche "Typen" sind so, daß man sich irrsinnig für sie interessiert, und man denkt, das würden sie dann im Film automatisch auch machen. Ich finde das immer so blöd: Wenn man sagt, der und der Typ war aber ätzend, den mochte ich nicht, dann sagen irgendwelche Leute, ja aber der sollte doch ätzend sein! Dann denk ich mir, das ist total unwichtig, ob er das sein sollte, solange er mich nicht interessiert. Oder: "Das war irgendwie soein cooler Typ" - "Der sollte doch cool sein". Aber cool und cool ist eben nicht das Gleiche. Cool im Leben und cool im Film sind manchmal zwei total gegensätzliche Dinge. Und die muß man total auseinanderhalten. Im Leben sind Sachen nur sie selbst. Und im Film fangen sie an zu bedeuten!
Method und andere Techniken basieren auf akribischer Vorarbeit... Gibt es da nicht möglicherweise das Problem, daß du zu viel im Kopf hast? Und wäre nicht die Alternative so ein "Brainwashing"...
Also leer wird man nur durch Arbeit, und nicht durch Nichtstun. Aber welche Wege man da wählt, ob man dann drei Monate Taxi fahren muß, das bleibt dahingestellt, aber man muß irgendwas tun. Man muß zusammen proben oder sich irgendwas anderes überlegen. Man braucht auch so viel Substanz, wenn man einen ganzen Film hindurch Sachen anbieten können will. Es ist gut, mal eine Sache getan zu haben, bevor man sie spielt! Absolut! Wenn deine Figur im Burger-Restaurant arbeitet, ja, geh hin und arbeite da, kucks dir an! Ich sage dir, Sachen, die du kannst, helfen dir als Schauspieler ungemein. Und wenn du gut Fritten braten kannst, das hilft dir für die Szene. Du brauchst nicht ne irrsinnige Poesie aufmachen, sondern die Poesie liegt darin, daß du das kannst. Wenn du reiten kannst, dann ist das gut, wenn du singen kannst, wenn du den Song kannst, wenn du den gottverdammten Text kannst, dann ist das gut! (lacht) Und wenn du in dem Film dies und jenes machen mußt, dann lern es vorher!
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