nicht wissen

Sebastian Schipper:

Eine Sache, die mir sehr wichtig ist, ist das Nichtwissen um Dinge. Keine Ahnung haben von etwas, ist für mich ein Moment, den man auch beim Regieführen, wo es ja dauernd darum geht, Ahnung zu haben - vom Stoff, was sollen die Schauspieler machen, wie soll das aussehen - daß man nicht vergessen sollte, daß das ein unglaublicher Quell von Kraft und Vision ist, auch um Dinge nicht zu wissen. Nur so entsteht doch Neugier. Ich merke immer mehr, wie wichtig die Momente sind, in denen du nach was suchst, nach dem kleinen Teilchen, das fehlt, und du weißt wahrscheinlich nicht mal, wie es überhaupt aussieht, wieviel kreative Energie darin steckt. Wenn man sich eingesteht, daß man ein Problem hat. Auch beim Drehen. Plötzlich entdeckst du was oder es entsteht etwas, worauf du vorher nie gekommen wärst. Was sich aus diesem Moment und der Zusammenarbeit mit dem Team ergibt.

Revolver:

Ich gehe auf diese Art immer ein bißchen mit der Filmgeschichte um. Ich finde diesen Zwang, sich auskennen zu müssen, sehr anstrengend. Die Frage nach der filmgeschichtlichen Bedeutung eines Filmes ist natürlich wichtig und interessant, aber ich habe da immer Angst, daß mir das den Kopf zukittet.

Ich finde dieses wasserdichte so doof. Wenn ich jetzt wirklich... also voller Inbrunnst kann ich dir sagen, daß einer der wichtigsten Filme, die ich je gesehen habe, "Vorstadtkrokodile" ist. Kennst du den? (lacht) Der hat mich total umgehauen, als ich meinetwegen elf war.

Zum deutschen Film hast du vorher noch gefragt, was der ist, hey, keine Ahnung. Was ist Liebe, was ist der deutsche Film... Mich interessiert die Frage viel mehr, was er sein müßte. Immer wieder erstaunlich die Bezeichnung "der deutsche Film nach 45"... Klar gibt’s nur einen: es gibt nur Fassbinder. So ganz emotional und unreflektiert, aber dafür vielleicht auch ziemlich präzise: weil er der Einzige ist, der deutsche Filme gemacht hat. Und zwar viele, und vehement und unerbittlich das, was er gesehen hat. Die ganzen andern waren ja irgendwann ganz schnell Internationalisten geworden. Herzog, Wenders, klar, "Himmel über Berlin", aber da spielt dann halt Columbo mit... Also Fassbinder ist jedenfalls der einzige, den ich als so ein Phänomen empfinde... Nicht, daß ich alle seine Filme toll finde, im Gegenteil, das ist so ein klassisches Beispiel, wo du drin sitzt und denkst, oh Mann, Alter, was ist das denn für ein Film, Mann ist das anstrengend, und trotzdem, den Film vergißt du nie.

Aber das wird so schnell politisch und ganz großartig. Naja ... es gibt ja noch andere deutsche Werte außer fleißig sein, pünktlich sein und ‘ne gute Grätsche beim Fußball zustande zu bringen ... Ich würde mich zum Beispiel wahnsinnig danach sehnen, nach Phänomenen wie Sturm und Drang, und Romantik, und all das, wofür eben nicht nur Goethe und Schiller standen, sondern auch Büchner und Heine, und dieser total durchgeknallte Hölderlin, das ist urdeutsch! Für mich sind die Jungs absolute Giganten, das sind total Durchgedrehte, das ist alles und volle Pulle, und voller Schweiß und Illusionen, und Utopien, voller Sehnsucht nach dem größten Leben, das es überhaupt auf dieser Welt geben kann. Das alles steckt in den Werken von denen. Und die Faschos haben das eben mißbraucht, für das Furchtbarste, was Menschen Menschen vielleicht jemals angetan haben. Aber ich glaube, es führt kein Weg darum herum. Es geht auch nicht immer nur darum, lieb und ungefährlich zu sein oder irrsinnig intellektuell. Es geht einfach auch mal darum, volle Pulle aus der Hose zu kommen. Und ich glaube, daß davor eine irrsinnige Angst herrscht. Und das ist für mich auch ein Erbe der 68er. Einen Standpunkt darfst du nur vertreten, wenn du ihn wirklich aber sowas von wasserdicht hinterfüttern kannst mit Geschichte, und mit reflektiven, messerscharfen Argumenten... Und was du vorhin auch gesagt hast, es ist teilweise sehr hemmend, daß man einen bestimmten Rahmen nicht verlassen kann. So nach der Devise, laßt uns nirgendwo hingehen, wo nicht immer ganz genau unser Kopf auch auf uns aufpassen kann. Das ist bestimmt auch ein deutscher Wesenszug, aber es ist eben auch ein deutscher Wesenszug, gerade da hin zu gehen, wo der Kopf irgendwie explodiert oder nur noch Sachen raushaut, die ungeheuerlich sind. Und eines von denen war vielleicht auch der Faschismus.

Als ich noch die Young-Angry-Man-Phase hatte und was zu meinem Film schreiben sollte, da habe ich auch ganz viel über Film in Deutschland und so geschrieben, und dann hat mir Stefan irgendwann gesagt, sei mal lieber vorsichtig, und da hat er auch recht. Aber da hab ich mal gesagt, einen guten Witz kann man nur unerbittlich erzählen, ohne Rücksicht darauf, ob nachher jemand lacht. Und ich glaube, daß der deutsche Film mehr von solchen Witzen vertragen könnte.

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