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Wolfgang Becker:
Zur Gründung von X-Filme kam es 1994, das war ja auch der eigentliche, absolute Tiefpunkt des deutschen Films, sowohl was den Marktanteil als auch die Inhaltlichkeit betraf. Da haben sich etliche Berliner Regisseure und Regisseusen getroffen und haben eigentlich so einen festen monatlichen Zirkel gemacht, wo einfach über diese ganze Problematik geredet wurde. Das war teilweise konstruktiv, teilweise war es natürlich auch eine Jammerbude, wo einfach jeder sich irgendwie ausgeheult hat. In der Runde habe ich Dani Levy getroffen und auch Michael Klier, der ja anfänglich auch bei X-Filme dabei war. Tom habe ich zufällig getroffen, bei meinem Weltvertriebsmenschen.
Tom Tykwer:
Wir hatten damals schon die Vorstellung, daß man mehr in so eine Pool-Richtung arbeiten müßte, daß diese ganzen Regisseure nicht mehr alle nur so dasitzen, und jeder versucht so seinen Film durchzuboxen, arbeitet sich drei Jahre lang die Füße dran wund und findet dann mühsam einen Produzenten und kann dann endlich nach fünf Jahren was machen, aber dann ist eigentlich schon die ganze Luft raus. Wir waren mit unseren Visionen sehr nahe zusammen, mit dem Ansatz, wirklich auf großes Kino zu gehen, im Sinne von wirklich große Leinwand und wirklich das Kino 1 im Cinedom, oder Zoopalast, oder in irgendeinem Kino zu füllen, und gleichzeitig eben überhaupt keinen Kompromiß auf der inhaltlichen Schiene zu machen.
Dani Levy:
Ich glaube, daß das kollegialkritische Potential dieser Firma ein riesen Angebot ist, an Büchern besser zu arbeiten, kritischer damit umzugehen, und auch im Notfall direkt eben in der Firma Leute zu haben, die sich z.B. mit dir an den Schneidetisch setzen, mit dir ans Buch gehen, und zwar von der Perspektive der Macher her, und nicht von der Produzentenseite. Ich hab auch bei "Lola" bestimmt drei Schnitte gesehen. Aber wir arbeiten schon jeder sehr für sich, und ich glaube, der Austausch kann noch besser werden... Aber ich weiß: Wenn ich ihn brauche, dann ist er da.
Revolver:
Wer entscheidet denn, was überhaupt produziert wird? Gibt es Projekte, die ihr ablehnt?
Dani Levy:
Von uns selber war die Bedingung, das wir kein Projekt von uns Gesellschaftern blockieren können. Also selbst wenn ich ein Projekt machen möchte, das Tom, Wolfgang und Stefan nicht gefällt - ich meine, ich finde es wichtig, auch zu hören, warum es ihnen nicht gefällt, und vielleicht überzeugen sie mich auch davon - aber wenn ich es trotzdem machen möchte, und es ist wirtschaftlich tragbar für die Firma, dann muß ich das Recht haben, dieses Projekt zu machen. Wichtig ist uns auch, die Produktionsbedingungen mitbestimmen zu können und dadurch mehr das Klima zu kreieren, das wir für ein bestimmtes Projekt brauchen.
Ein bißchen weiter in die Zukunft hinein gesprochen, gibt es natürlich die Sehnsucht von uns allen, eine "Familie" um uns zu gruppieren, also eigentlich so eine Art Heimat zu schaffen für Filmschaffende: Techniker, Cutter, Kameraleute, Schauspieler, daß es halt so eine Synergie gibt, von Leuten, die immer wieder mit uns arbeiten, mit denen wir gemeinsam wachsen können. Da gibt es sehr viele Spielmöglichkeiten. Bisher haben wir uns sehr bescheiden gehalten, und das find ich auch richtig. Wir wachsen sehr langsam, und wir sind schüchtern, und wir sind immer noch eine Firma mit extrem kleinen Overheadkosten, und ich glaube, daß das auch gut ist, daß wir nicht irgendwie diesen Größenwahn haben, innerhalb von drei Jahren auf 50 Leute hochgewachsen
zu sein, um dann auf biegen und brechen Fernsehen produzieren zu müssen, damit überhaupt erstmal die ganzen laufenden Monatskosten reinkommen.
Stefan Arndt:
Es ist natürlich belastend, wenn du gleich drei produzierst und nicht nur einen. Da bist du auch Freund, da geht es auch immer darum, ob die Wohnung gerade renoviert wird oder das Auto abgeschleppt wurde, und du bist natürlich schon so ein Gesamtpapa. Wie z.B. "gerade kein Geld auf’m Konto", wo ein normaler Produzent sagt, tja Pech gehabt. Das ist bei uns halt irgendwie anders. Das ist für mich aber auch richtig. Dafür kriege ich ja auch totale Unterstützung, wenn ich mal irgendwo Schiß habe, oder nicht genau weiß, wie man mit was umgeht. Daß ich auch sagen kann, jetzt kommst du hier mal mit, ich fühle mich in dieser Verhandlung total unsicher. Und der traut sich garantiert nicht, mich so hart anzugehen, wenn das Talent dabei ist etc...
Revolver:
Ihr produziert ja jetzt zwei Erstlingsfilme: "Absolute Giganten" von Sebastian Schipper und "Cranberry Sauce" von Hendrik Handloegten. Habt ihr trotzdem vor, das Viererteam zu bleiben?
Tom Tykwer:
Ja, ja, die Firma bleiben wir vier. Das ist schon kompliziert genug. Du darfst das nicht unterschätzen, das sind drei egozentrische, egomanische Typen, Regisseure müssen das ja sein, so aus einer bestimmten Perspektive heraus, die auch sehr hysterisch auf ihre Projekte orientiert sind, und ein Produzent, der diese drei irgendwie zusammenhalten muß. Ich glaube, da will ich nicht noch jemanden mit drin haben, es ist einfach genug Arbeit so zu viert.
Diese jungen Leute, die wir uns jetzt ranholen, sind ja wirklich Leute, die wir teilweise schon lange kennen und mit denen wir halt auch schon länger über Projekte reden. Mit Schipper habe ich auch schon zwei Filme gemacht, der ist ja Schauspieler gewesen vorher und hatte so kleine Rollen bei mir. Er ist ein super Typ, und ich betreue das Projekt jetzt eigentlich von Anfang an, das ist so mein Baby in der Firma, ich bin da sozusagen Creative Producer oder wie sich das dann nennt, werde auch viel am Set sein, komme grade wieder daher, werde auch die Second Unit machen und so’nen Kram.
Wolfgang Becker:
Bestimmte Kriterien haben wir nicht, aber es ist natürlich immer so eine Grenze da, wenn ein gewisses Budget aufkommt. Wir unterschreiben ja für die Kollegen Bankbürgschaften in nicht unerheblicher Höhe und da muß dann natürlich irgendwann die Frage geklärt werden, ob der Film überhaupt eine kommerzielle Chance hat. Und ich glaube, das könnte sicher mal zu einem Punkt führen, wo jemand sagt, die Verantwortung trage ich nicht mit, ich glaube nicht so sehr an dieses Projekt.
Dani Levy:
Ich bin der Meinung, eine Firma ist dann spannender, wenn vieles möglich ist. Wenn jetzt zum Beispiel Tom sagt, ich habe diesen oder jenen Regisseur getroffen, und das finde ich ein klasse Projekt, aber mir gefällt es nicht, und es kann aber trotzdem gemacht werden. Das gefällt mir besser. Und da gibt’s natürlich schon Projekte, wo wir uns heftig streiten. Aber es ist bisher meistens so gewesen, daß es entweder alle nicht mochten oder fast alle mochten. Bisher gab es, glaub ich, nur ein Projekt, wo wir ganz verschiedener Meinung waren. Und das wurde jetzt auch erstmal auf Eis gelegt. Wir haben einen super simplen Gesellschaftervertrag. Wir haben kein worst-case-szenario gemacht, aber wir waren da auch noch nie dran. Also ich finde, wir halten uns total gut! Bisher - selbst mit dem Erfolg von "Lola" - ist es noch nie so gewesen, daß einer völlig abbüchst, und irgendwie völlig in eine andere Richtung rennt. Wir sind alle wirklich erdige Typen, wir wissen, wieviel Arbeit es ist, wie schwierig es ist, wie zufällig ein Erfolg ist und wie unberechenbar das auf und ab einer Firma ist. Wir sind keine Träumer, und auch keine größenwahnsinnigen Idioten... Wir haben uns ja auch bei unserer Gründung lange mit den Leuten vom Filmverlag der Autoren unterhalten, vor allem mit Wim, auch mit Kluge, auch mit Straub, bei denen war es so, daß bestimmte Regisseure wie Fassbinder einfach ein Ding nach dem anderen gedreht haben, und sehr viel Geld in die Firma gebracht haben, während andere Leute Jahre lang nichts gedreht haben. Da gab es natürlich Konflikte. Aber wir hatten das bisher noch nicht. Klar, Tom ist wirklich der schnellste von uns, er dreht ja eigentlich jährlich einen Film, wird er auch weiter tun, aber trotzdem ist es überhaupt noch nicht auseinandergeklafft.
Stefan Arndt:
Wir haben ja auch zweimal ganz gemein in die Kacke gelangt. Bei "Baustelle" und "Winterschläfer" haben wir einfach irrsinnig überzogen, und hatten dann eine schwere Zeit, das wieder hinzukriegen. Da haben wir schon gelernt, daß uns das nicht noch einmal passiert.
Dani Levy:
Ich finde, den richtigen Hit haben wir noch nicht gemacht. Das mein ich gar nicht kommerziell, sondern für mich selber. Weder ich, noch die anderen. Ich hab das Gefühl, wir können echt noch wachsen. Und wir können noch bessere Filme drehen. Da bin ich ganz sicher.
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