mehr oder weniger
Hendrik Handloegten:
Die Zukunft des deutschen Films wäre für mich Glaubwürdigkeit. Und auch einfach nicht eine so verzärtelte Art und Weise, an die Dinge ran zu gehen. Blöße! Wann gibt sich denn irgend jemand mal Blöße im deutschen Film, wo du merkst, ja, was der Schauspieler da macht, das kommt von irgendwoher, und das hat schon mal jemand genau so erlebt. Wo so ein Gefühl von Wahrhaftigkeit entsteht. Ich muß immer wieder dran denken, obwohl das jetzt schon Jahre her ist. Diese Szene in "Bad Lieutenant", wo Harvey Keitel vor dem Altar rumkriecht, was völlig überhöht ist, und er dann irgendwie hochkuckt, Jesus sieht, der schlußendlich dann eine schwarze Frau ist, da hatte ich so das Gefühl, da gibt sich jemand eine Blöße, der öffnet sich total.
Wer in diesem Fall: Der Schauspieler oder der Regisseur?
Ich würde sagen, erstmal Ferrara, und dann Keitel.
Stefan Arndt:
Für Deutschland geht es einfach darum, so einen Begriff von Filmkunst wiederzufinden, der ja eine ganze Weile ziemlich verwaist war . Also gerade ihr mit euren Münchener Tendenzen.
Was würdest du als "Münchener Tendenzen" beschreiben?
Na ja, halt einfach eine formale Stärke, mit einer... (zögert) - das wird ja zitiert werden (lacht) - na ja ich wundere mich schon, wie man so viel Arbeit in Filme stecken kann, und dann so wenig Inhalt hat.
Ich merke halt dadurch, daß ich ziemlich viel an der DFFB und auch in Ludwigsburg bin, daß mir einfach die Filme besser gefallen, die vielleicht handwerklich nicht so perfekt gemacht sind, weil es zum Beispiel eben noch Schülerfilme sind, die einen dafür dann aber emotional einfach so umhauen. Also dieser "Plus Minus Null" zum Beispiel, von Eoin Moore, der liegt auf der X-Filme Latte ganz schön hoch. Da kannst du die Millionenbudgets wegwerfen, der hat für 60 000 Mark einen Film gemacht, der einfach Spitze ist.
Dani Levy:
Wenders, Kluge, Schlöndorff, Herzog ... Ich finde die haben tolle Filme gemacht, muß ich echt sagen. Da müssen wir erstmal wieder hinkommen, wo die waren. Es stimmt schon, das Publikum ist dann etwas ausgedünnt, aber auch nicht nur, der Wenders hat ein paar saftige Erfolge gehabt, das hat noch niemand geschafft von uns, niemand! "Himmel über Berlin" ist weltweit gelaufen, "Paris, Texas", Erfolge, wie wir sie uns gar nicht vorstellen können. Da ist "Lola" nichts gegen. Ich bin da überhaupt nicht mit allen Filmen einverstanden, aber die haben sich wirklich um viele Sachen sehr intensiv gekümmert, und die sind auch heute noch gute Kollegen. So jemand wie Schlöndorff, der sich mit einer ganzen Crew aus Babelsberg "Meschugge" ankuckt und mir dann echt einen Brief schreibt, wie toll er den Film fand. Die haben noch so einen Austausch ... das vermisse ich oft unter den jungen Kollegen. Früher ging das irgendwie automatisch, daß Regisseure als Kollegen Kontakt hatten. Ich zähle mich schon auch zu den jungen Regisseuren, aber so richtig distanzieren, so von wegen was wir besser machen müssen ... Ich finde, wir müssen es erstmal wieder schaffen, wirklich eigene, persönliche, kompromißlose Filme zu machen, ohne automatisch immer gleich drei Millionen Zuschauer machen zu müssen. Und wenn es natürlich zusammen kommt, wie bei "Lola", daß der Film wirklich eigenwillig ist und trotzdem so kommerziell, das ist echt ein seltenes Beispiel. Aber Filme, die einfach auf ein Massenpublikum zugeschnitten sind und entsprechend auch nichts wirklich erzählen, und dadurch riesig erfolgreich werden, imponieren mir weniger, als die Filme der Alten.
Also wenn ich frage, was würdest du besser machen als die Alten, dann würdest du sagen, es gibt gar nicht unbedingt dieses Problem, diese Notwendigkeit.
Ich bin der Meinung, die Kritik verschont die totale Banalität, und tut so, als wäre es nicht so wichtig, wie wirklich so die absolut abgeschmackten Remakegeschichten wie "Eisbär" und "Knocking" und was weiß ich, die ich wirklich echt nicht gelungen finde, die werden super verschont, da zählt einfach Star und Erfolg. Und da, wo ein echter inhaltlicher kreativer Druck da ist, da wird drauf gehauen bis zum abwinken. Viele Kritiker haben nichts kapiert hier, find ich wirklich. Ich meine, es gab schon Leute, die haben Wenders auch verteidigt, muß man echt sagen. Aber vor allem die Kritik ist noch mehr verflacht als die Filme.
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