Interview: Benjamin und Dominik Reding
und mit Sandra Borgmann

Revolver:
Ich habe euch das erste mal auf der Balduintreppe im Hafen in Hamburg gesehen, mit diesen 15 cm Irokesen und einer Arri SR auf dem Arm...

Dominik:
Ich werd verrückt.

War ein schönes Bild: Die Balduintreppe ging da so hoch direkt in den St.Pauli-Himmel, und oben diese zwei Punker mit der Kamera.

Benjamin:
Das war der allererste Kurzfilm. Das ist ja ewig her.

Wie lange ward ihr in Hamburg?

Benjamin:
Dominik jetzt siebeneinhalb Jahre, ich fünf. Schon lang. Aber jetzt ziehen wir um nach Berlin. Nach fünfeinhalb Jahren oder eben sieben ist dann auch irgendwann mal gut, da ist mal n Wechsel fällig. Außerdem wars in Hamburg mit 'Oi-Warning' sehr schwer, und da haben wir uns dann schon gedacht, warum sollen wir in einer Stadt bleiben, in der den Film nur ein einziges Kino gezeigt hat. In Berlin ist er in 10 od. 11 Kinos gelaufen. In Hamburg? Im Ufa-Palast, am Gänsemarkt. Wir hatten mit anderen Kinos gerechnet, Zeise, Abaton, die wollten nicht. Die mochten den Film nicht. Die Chefin vom Zeise meinte, das Thema Skinheads wäre doch durch, im September 2000, wo das grade auf jeder Titelseite stand... Jetzt ist es erst recht verrückt, weil damals hätte man noch sagen können, der Film kriegt vielleicht keine Zuschauer. Aber jetzt sind wir bei 100 000, und da verstehe ich nicht, warum sie den Film immer noch nicht zeigen. Sie zeigen ihn bis heute nicht. Alle drei, 3001 auch nicht.

Haben die Angst?

Benjamin:
Ich glaube eher, daß die den Film persönlich nicht PC finden. Der Film ist ja nichts so für Alt68er. Weiß Gott nicht. Und so für didaktische Filmerzieher ist er garantiert gar nichts.

'100 000 Zuschauer, erstaunlich bei so einem kontroversen Thema' hab ich mal sagen hören. Was ist denn bei dem Film eigentlich kontrovers?

Benjamin:
Das Kontroverse wird ja mehr in den Film hinein gesehen, wir wollten ja nur einen ehrlichen Film machen. Aber vielleicht ist in Deutschland ein ehrlicher Film automatisch ein kontroverser Film. Denn der Film wird durchaus kontrovers diskutiert, und auch heftigst abgelehnt. Die Amis fanden es gut, daß sich da zwei Jungfilmer auf den Weg machen, um so ein gesellschaftliches Phänomen, oder Problem, je nachdem wie mans sieht, anzupacken. Das fanden die "courageous". Hier hat das eher sowas nestbeschmutzendes. Die Deutschen kommen schlecht weg. Erwachsene werden bei uns zu Karikaturen, stand in den Kritiken. Das wäre ja furchtbar, das dürfte man nicht.

Dominik
(grinst breit) Herr Gregor vom Jungen Forum meinte, der Film wäre eine Zumutung. Die Filmbewertungsstelle hat dem Film kein Prädikat verliehen, und in der Begründung stand, der Film ginge zu weit.

Ihr habt einen Softporno gemacht.

Benjamin:
Ja, aber da ging es um die Erwachsenendarstellung. Die Mutter, der Lehrer, die Eltern.

Dominik:
Die Darstellung der Erwachsenen in dem Film wäre "infam". Uns ist gesagt worden, daß das die härteste Ablehnung war, die die FBW jemals geschrieben hat.

Die allererste Szene: Sandra steht Koma gegenüber, Sandra ist angezogen und begeistert, und Koma ist nackt und schön, und auch begeistert... Wie kam es zu diesem Bild?

Benjamin:
Das Bild hatten wir schon relativ früh, das war eins dieser frühen Bilder, es sollte ein 'Innenbild' sein von Janosch, von Janosch erfährt man ja vergleichsweise wenig in der Geschichte. Er sieht da eine Sexualität, die für ihn was faszinierendes hat, aber auch etwas fürchterliches. Und die Eröffnung sollte bildlich furios sein, das ist halt das Prelude, die Themen des Filmes sollen alle anklingen. Und alle drei Anfangsbilder, das Schlecken über das Tatoo, die Skalpellschnitte in die Rückenhaut eines Mannes, und die Szene mit Sandra und Koma, sollten Dinge erzählen, die dann später dem Janosch passieren. Es sollten Bilder zwischen Traum und Alptraum sein.

Eure Skins sind ja was ganz anderes als 'unsere' deutschen Sorgenkinder. Wo steht denn euer Film in dieser ganzen politischen Diskussion?

Dominik:
Der Film ist nicht als politisches Statement gedacht, und aus gutem Grund ist Koma nicht rechtsradikal. Politisch ist der Film aus sich selbst. Wenn du Realitäten zeigst, hast du automatisch ne politische Ebene, ne gesellschaftspolitische Ebene. Und die finde ich viel spannender, als in einem Film politische Dinge zu behandeln. Alle haben es sich gewünscht, daß Koma rechtsradikal ist, das ZDF hat uns bekniet, die sind aus dem Grund nicht in den Film miteingestiegen. Wenn Koma rechtsradikal gewesen wäre, wäre es für die meisten Redakteure und vielleicht auch für viele Zuschauer einfacher gewesen, den Film zu rezipieren, weil dann ist ja alles klar: Ein Rechtsradikaler ist ein Arschloch, und deswegen verhaut er Leute. Diese Gleichung ist aber lächerlich einfach. Zu einfach. Uns interessiert viel mehr die Psyche dieser Leute, wie sie dahin kommen, daß sie rechtsradikal werden. Wie muß man sein, um überhaupt rechtsradikal werden zu können. Also den Weg dahin finden wir spannend. Den wollten wir zeigen.

Benjamin:
Das Wichtigste aber war: wir wollten einen intensiven Film machen, und ein intensiver Film hat auf vielen Ebenen dann später eine Diskussion. Der Film sollte sich unterscheiden von anderen deutschen Produktionen. Und das haben wir geschafft, und darüber freue ich mich. Ohne soeinen vordergründigen Protest, so: jetzt zeige ich euch allen mal, was ne Harke ist, son Skandalfilm. Ehrlichkeit war uns wichtig. Realität zeigen. Und natürlich auch: stilistisches Können. Wie ist der Film gemacht. Jedes Bild ist durchkomponiert. Jede Handlung hat ihren Bezug, ihre innere Notwendigkeit. Solche Sachen gehen leider in dieser ganzen Politdiskussion unter. Das ein Film nicht wirkt, auch nicht politisch wirkt, wenn er schlecht gemacht ist, darauf geht niemand ein. Ein Film nämlich, der schlaff ist und lahm, der wird niemals politisch diskutiert, auch wenns darin vielleicht um ganz heiße Statements geht, weil niemand sich sowas ansehen will.

Dominik:
Ich möchte die Leute eigentlich zum Denken anregen. Weil ich manchmal das Gefühl hab, die Leute denken über sich zu wenig nach. Sie kritisieren andere Menschen, sie kritisieren Lebenssituationen, gesellschaftliche Zwänge, was auch immer, aber sie denken zu wenig darüber nach, warum bin ich so wie ich bin, warum verhalte ich mich so, denn viele verhalten sich doch so, daß sie es anderen mit ihrem Verhalten sehr schwer machen. Das ist vielleicht ein kindischer Ansatz, aber ich mag den.
Wenn jemand aus dem Film raus geht mit ein paar Fragen im Kopf, dann ist mir das Lieber, als daß er das Gefühl hat, er hätte jetzt Erklärungen erhalten. Das ist das, was ich beim Filmemachen spannend finde: Fragen stellen. An die Zuschauer. Das hat natürlich auch immer was quälendes, auch für die Zuschauer. Aber ich glaube, mit zwei drei Fragen darf man die Leute gehen lassen. Es gibt ja genug Filme, die garkeine Frage stellen, also hast du ja auch einen Ausgleich.

Ihr würdet also auch sagen, das Geschichten eine zivilisationsbildende Funktion haben - können, oder müssen?

Dominik:
Naja, es gibt ja auch noch son Spieltrieb hier im Menschen, und der hat auch ganz viel mit Filmkucken und Filmemachen zu tun. Also Welterklärung ist das Eine, sich nicht Langweilen, das Entkommen vor der Langeweile ist das zweite große Moment. Beides zusammen führt zu Erfahrungen. Im Kino machst du die Erfahrungen zwar gefiltert, weil du weißt, du kommst aus diesem Raum wahrscheinlich lebend wieder heraus, aber du kannst auch Erfahrungen machen, die du vielleicht so noch gar nicht gemacht hast. Du nennst das kulturbildend, die Zivilisation erweitern. Den Rahmen der Menschheit erweitern. Ja. Aber auch Sehnsucht nach Spiel. Freude. Lebensfreude. Kino hat auch viel mit Lebensfreude zu tun.

Wie ist denn das mit der Angst... Ich kenne sehr viele Beschreibungen von Menschen, die nach einem Film sagten: Oh wie schön ist es zu wissen, daß man nicht mehr alleine ist. Ist doch eigentlich ein Ausdruck von Angst. Die Leute hören oder schauen sich also nicht nur zum spielen Geschichten an, sondern auch, weil sie Angst haben und sich vielleicht versichern wollen... Sie wollen sich sicher sein, daß sie auf dem richtigen Weg sind, daß sie das Richtige tun, daß sie z.B. auch nicht alleine sind.

Benjamin:
Nimm einfach die FFA-Statistiken vom letzten Jahr, da siehst du genau, was die Leute sehen wollen. Sie wollen einen Film wie 'Oi-Warning', und 10 Filme wie Erin Brockovich. Neunmal wollen sie das Gefühl haben, sie nehmen Sicherheit mit nach Hause, und einmal wollen sie verunsichert werden. Und daran wird sich auch nichts ändern.

Dominik:
Es geht ja nicht darum, daß wir jetzt alle irgendwie Filme machen, die gesellschaftlich Gott was für Probleme wälzen. Was ich mir wünsche ist, daß die Filme, die man macht, wirklich das sind, was man machen möchte. Wenn du ne Komödie machen willst, dann mach sie, aber dann mach sie so, daß die Leute aus dem Lachen überhaupt nicht mehr raus kommen. Wenn du einen Krimi machst, dann muß der so spannend sein, daß du dir die Fingernägel abbeißt. Machst du ne Action-Geschichte, dann mach sie so, daß die Wand wackelt und die Leute wirklich ihren Spaß daran haben. Mach es gut! Und wenn du ne Geschichte machen willst wie wir, dann führe sie auch so konsequent zu Ende, daß du nicht das Gefühl hast, du hast dich an irgend einer Stelle verbogen im Inhalt, nur damit du es irgendwelchen Leuten recht machst. Es muß im Kino eine Bandbreite geben, von der seichtesten Komödie bis zum heftigstem Experimentalfilm, vom sexuell Perversen bis zur Soap... Das muß gewährleistet sein, das gehört zu einer Demokratie dazu. Aber wenn sie da ist, dann mach das, was du machen möchtest so konsequent wies nur eben geht. Mir fehlt das genaue Hinsehen, auch die längere Vorbereitung der Filme. Länger, genauer über das Drehbuch nachdenken. Wenn das Geld dann da ist, wird immer sofort gedreht! Was nützt dir die schönste Idee, das schönste Konzept, wenn es filmisch nicht gut gemacht ist. Die Zuschauer werden dir nicht folgen! Wenn du ein Ziel hast, dann mach es so, daß sie dir folgen, es überhaupt können! Sonst bist du alleine im Kino.

Du hast grade einen Tatort gedreht, warst du denn in der Beziehung mit dem Tatort zufrieden?

Dominik:
Ich hatte für den Tatort bereits Ja gesagt, als ich das Drehbuch noch nicht kannte, (grinst) was ein großer Fehler war. Weil... Das Drehbuch war schlecht. Die Drehorte und die Darsteller waren schon ausgesucht, und wir hatten nur noch wenig Zeit. Wir haben uns aber trotzdem hingesetzt, und haben das Drehbuch noch mal komplett neu geschrieben. Von der ersten bis zur letzten Seite. Allerdings eben unter der Vorgabe, klar: daß die Drehorte und die Darsteller erhalten bleiben, das heißt, die Hauptstränge der Handlung mußten übrig bleiben. Aber ich würde mal sagen, in dieser Überarbeitung sind Stellen drinnen, wo ich auch wirklich sagen kann, es ist das, was ich mitteilen will. Natürlich ist ein Tatort ein Tatort. Es gibt Dinge, die einfach da sind, es gibt ne Kommissarin, Lena Odenthal, Ulrike Volkerts, es gibt ihren kleinen Kollegen Herrn Kopper... Diesen Figuren gegenüber hast eine Verantwortung. Trotzdem gibt es immer die Möglichkeit, und die habe ich auch wahr genommen, daß da Dinge passieren, die normalerweise in einem Tatort niemals passieren. Wir hatten gestern Abnahme von dem Ding, und da meinte eine der Redakteurinnen, dieser Tatort wäre kein Tatort. Ich fand das das schönste Kompliment. Ich wollte was machen, was sich von anderen Tatorten eindeutig unterscheidet. Eine eigene Sprache spricht. Auch wieder diese Sprache, die letztlich verstört. Selbst Lena Odenthal ist da nicht ganz so glatt und Lösungsgebunden wie sonst, sie darf auch noch ihr privates und gebrochenes Leben haben. Und es gibt eine Schlußszene, in der einer erschossen wird, da gab es großen Protest. Weil das aussehe wie eine Hinrichtung. Leider haben sies erkannt (grinst). Ich wollte es genau so haben. Das darf aber wieder nicht sein, die deutsche Polizei richtet nicht hin, die sind ja die Guten. In einem Tatort ist die Polizei eigentlich gut.

Das schafft nur Hong Kong.

Dominik:
Ja schade. Schade! Warum nur Hong Kong! Die Zensur ist immer schon vorher da! Das muß aufhören! Dann werden die Drehbücher besser! Hört auf mit der Vorauseilenden Zensur! Laßt den Zuschauer zensieren, an der Kinokasse! Da werdet ihr Überraschungen erleben. Meinst du Tarantino hätte seine Filme in Deutschland machen können? Ich mag die zwar nicht so, aber das ist nicht wichtig. Die Filme sind in sich erstmal gut. Das wäre hier undenkbar! Das hätten die nie gefördert bekommen! In Tausend Jahren nicht!

Also ihr linken Socken tretet für den Totalen Markt ein.

(Pause)

Benjamin:
(Grinst schließlich) Was willst du denn da sagen. Wenn du jetzt Ja sagst, bricht ja die Welt zusammen. Sagst du Nein, stimmts auch nicht ganz...

Also ihr habt so ne Art sportlichen Ehrgeiz entwickelt, was das betrifft.

Benjamin:
Aber dazu gehören eben Produzenten, die den Mut auch mittragen, und es gehören vor allen Dingen Filmförderungen dazu, die diesen Mut mittragen. Und aus langer leidvoller Erfahrung kann ich sagen, die tun es absolut nicht. Da sind amerikanische Majors heut weitaus bereiter experimenteller zu sein. In Deutschland ist die Situation halt so, daß es da einfach durch die Struktur kaum noch filmischen Nachwuchs gibt, der auch mal wieder andere Wege versucht. Du möchtest vielleicht andere Wege gehen, aber du wirst daran gehindert. Wenn du z.B. als junger Drehbuchautor ein spannendes kritisches Drehbuch hast, und das bietest du einer Produktionsgesellschaft an, sagen die, damit kriege ich niemals eine Verleihgarantie. Du brauchst aber mittlerweile schon ab dem Drehbuch eine Verleihgarantie. Wie soll da dieser junge Mensch noch mutig sein kritisches Drehbuch schreiben. Nein, er wird natürlich genau die Sachen, die spannend sind an dem Drehbuch, rausstreichen, damit er sich seine scheiss Verleihgarantie einstecken kann. Beziehungsweise sein Produzent.

Ihr beide wirkt von weitem gesehen fast unzertrennlich. Es sieht traumhaft aus, weil sich ja irgendwie jeder Mensch so nen Bruder oder ne Schwester wünscht, die einen versteht. Ist das bei euch ein Vorteil? Ist das eure Kraft?

Benjamin:
Bei 'Oi-Warning' hat der Druck von außen dazu geführt, daß wir uns immer enger aneinander geschmiegt haben, auch um uns menschlich zu schützen. Das man nicht so bitter wird. Mit 30 so verbittert, das finde ich immer ganz furchtbar, Leute, die mir so begegnen, die schon sowas bitteres kriegen in jungen Jahren, die sind mir geradezu gruselig. Und weder Dominik noch ich wollten so enden. Löst sich auch im Moment wieder ein Stück weit auf, und sollte auch so sein. Wir sind ja nicht verheiratet. Obwohl viele Ehen wahrscheinlich schlechter funktionieren als unsere.

Ihr hattet aber für den Tatort ein gemeinsames Angebot.

Benjamin:
Da haben wir aber von vorne herein gesagt, das machen wir nicht, es macht nur einer, und dann haben wir abgewogen, und Dominik hatte mehr Energie zu dem Zeitpunkt als ich, außerdem lief halt auch 'Oi-Warning' sehr gut, und du darfst ja ein Projekt dann nicht einfach so aus den Augen verlieren. Dafür hast du ja die letzten 8 Jahre gearbeitet. Also muß man sehen, daß einer das noch irgendwie betreut. Das hatte also ganz pragmatische Gründe.

Sandra, wie war es für dich als Schauspielerin, nach 'Oi-Warning' einen Tatort zu drehen?

Sandra Borgmann:
Du hast halt einfach einen sichereren Raum als Schauspielerin. Bei 'Oi-Warning' war es auch vollkommen in Ordnung, und ich hab es auch sehr gemocht, alles. Wir haben halt alle zusammen unter einem Dach gelebt, da an der B1 irgendwie, das ganze Team, alle Komparsen, alle. Da mußtest du einen viel größeren inneren Schutzraum aufbauen. Beim SWR wirste morgens abgeholt, vom Hotel, Bad-Hotel zum Hirsch, nachdem du da dein Kur-Früstück genommen hast, dann kommst du in die Maske, und da ist dann auch alles sauber. Bei 'Oi-Warning' sind da dann Nachts irgendwelche Leute gewesen und haben gefeiert... Beim SWR waren die Möglichkeiten von soner Konzentration einfach anders, vor allem weil ich Dominik ja schon kannte. Die Kommunikation war noch einfacher, noch direkter, das Vertrauen hatten wir ja schon. Der Schutzraum war gesicherter und ich konnte mich von Anfang an viel mehr öffnen.

Wo haben sie mehr Zeit für dich gehabt? Zuerst hattest du zwei Regisseure, dann nur noch Dominik.

Sandra:
Ja aber die beiden haben sich die Arbeit sehr aufgeteilt, also du hattest nie zwei Nasen vor der Nase. Dominik hat sich bei 'Oi-Warning' sehr um das Filmische gekümmert, und Benjamin eher um die Arbeit mit den Schauspielern

Benjamin:
Mit den Laien, den Laien! Du hast es doch hier mit einer Profischauspielerin zu tun! Wenn die Texte sprechbar sind, und das Drehbuch macht in sich Sinn, dann ist es für einen Schauspieler leicht, da hast du nicht so viele Fragen.

Dominik:
Es gibt Regisseure, die brauchen mehr Interaktion, damit sie ihre Wichtigkeit stärker wahrnehmen. Aber wenn du ne Wärme mit der Figur hast, dann kommen diese Sachen fast von alleine. Auch die werden natürlich beim Schauspieler entwickelt, aber sie wirken schnell natürlich, und oft ist es sogar mehr als das, was du als Figur erwartet hast.

Sandra, was brauchst du denn für deine Arbeit? Deine Beiden Regisseure sind sehr begeistert, das heißt, du hast einen guten Job gemacht, wo holt man das her, und was kann ein Team dafür tun?

Sandra:
Erstmal muß das Buch sehr gut sein, mit menschlich gezeichneten Figuren, was ganz selten ist, sehr sehr selten, vielleicht in 2% der Drehbücher, die ich zu lesen bekomme. Dominik und Benjamin sind auch Regisseure, die einen erkennen, die einen lassen, die einem den Freiraum geben, daß du an neue Punkte kommst. Die wenigsten Regisseure können das. Das erlebe ich auch immer wieder, wenn ich mit Studenten arbeite, die oft große Angst vor Schauspielern haben und denken, der Schauspieler reißt da was an sich, und sie haben das nicht mehr unter Kontrolle. Und verstehen nicht, daß es ein Luxus ist, mit Leuten zu arbeiten, die in ihrem Gebiet... einfach besser sind. Die da noch mehr von verstehen. Man muß immer mit Leuten Arbeiten, die besser sind. Viele Regisseure haben da imense Statusprobleme und vertrauen nicht. Und auch die Studenten tun sich da sehr schwer, und ich hab das Gefühl, da wird sehr wenig vermittelt von der Arbeit mit Schauspielern. Da gibts immer wieder so ganz verkorkste Vorstellungen darüber, wie Schauspieler 'funktionieren', daß man die erst 'brechen' muß oder so. Dominik und Benjamin sind auch beide welche, die ganz große Visionen haben, wo es ganz viel Sinn und ganz viel Spaß macht, da rein zu gehen. Ich brauch einen starken Regisseur. Ich brauche jemanden, der starke Visionen hat, daß ich mich da rein begeben kann. Viele haben ganz unklare Vorstellungen, irgendwas labbriges.
Ich brauche bei meiner Arbeit ein Team, bei dem die Konzentration sehr hoch ist, und wo auch die Achtung vor der Arbeit des Anderen sehr hoch ist. Da wirst du dann zwar betüddelt ohne Ende und kriegst dann immer deinen Kaffee in die Hand, wo ich dann denke, gut, den Kaffee, den brauche ich jetzt nicht, das ist nicht das Problem. Ich kann auch mein Täschgen selber die zwei Stufen hier hochtragen. Nur ich brauche ne Achtung auch vor meiner Arbeit, daß ich merke ich habe hier einen Raum, daß ich kurz sagen kann, ich muß mich jetzt zwei Sekunden konzentrieren, was bei manchen Filmteams noch nichtmal möglich ist.
Ich brauche auch einen Kameramann, der Menschen liebt. Viele Kameramänner hassen die Schauspieler. Was da teilweise rüber kommt an Scheissenergie von Seiten der Kamera, und das ist eigentlich mein Publikum! Das ist die Richtung, da sind die Menschen, zu denen das rüber soll. Sie ist mein Bezug beim spielen.

Mann muß mit besseren Leuten arbeiten. Sind wir Regisseure Schmarotzer?

Dominik:
Also im besten Fall sind wir Freunde. Die Schauspieler sind die Freunde des Regisseurs, und umgekehrt. Du kannst auch mit Feindschaft arbeiten, geht, ich halte es für katastrophal, auch in der Wirkung. Das Ideal ist für mich immer das Filmteam als Familie, aber nicht in diesem Kumpelverhalten, sondern in dem Respekt vor der Arbeit des Anderen, und auch Respekt dem Nichtkönnen des Anderen. Jeder hat Bereiche, in denen er nicht brilliert, und nicht die bloßstellen, nicht die thematisieren, sondern die akzeptieren. Und dann glaub ich entsteht ein Verhältnis, wo Kritik locker möglich ist, weil es ein freundschaftliches Verhältnis ist. Das ist für mich die ideale Zusammenarbeit beim Dreh und auch noch danach! Ich mag das gar nicht, wenn das dann so abbricht. Für mich ist Film ein Teil meines Lebens, und bei den Schauspielern übrigens immer! Und das wird auch zu wenig wahrgenommen. Es gibt ein davor und es gibt ein danach. Es ist nicht nur ein Produkt, das man abliefert. Es ist eine gemeinsame Erfahrung, eine gemeinsame Reise.


Was werdet ihr in Zukunft machen?

Benjamin:
Wir hatten natürlich schon gedacht, nach diesem Erfolg mit 'Oi-Warning', daß man da n bißchen mehr Featback bekommt. Bißchen mehr ist gut. Überhaupt Featback bekommt. Also bisher hat sich kein deutscher Produzent - keiner! - bei uns gemeldet. In England und den USA sieht es anders aus. Aber in Deutschland gibt es kein Interesse. Immerhin haben es da zwei Leute geschafft, mit einem Betrag von 887 000 Mark einen Film zu machen, der 100 000 Zuschauer hat. Ein jeder Produzent müßte da vor Glück schreien und sagen, die Jungs will ich haben. Mit so wenig Geld son Erfolg. Es muß ja auch mal wirtschaftlich gedacht werden. Aber dieses ganze Förderungssysthem in Deutschland verführt Produzenten dazu, nicht wirtschaftlich zu denken. Und dem entsprechend meldet sich auch bei uns keiner. In Amiland wird wirtschaftlich gedacht, da melden sich die Leute, weil sie sagen, oh, die Redings, 100 000 Zuschauer mit so nem Film in Deutschland, wo der Kinomarkt schwierig ist, respect! Die Einladung nach Sundance hat da natürlich vieles möglich gemacht. Auf die Berlinale haben wir keine Einladung gekriegt. Wir hatten damals auf das Panorama und das Forum des jungen Filmes gehofft... In Sundance, dem wichtigsten Independent-Festival der Welt haben sie uns genommen. Das sagt auch ein bißchen was über die Wertschätzung einer Arbeit aus, ob man will oder nicht.

Dominik:
Die Directorsguilt of America, die Vereinigung aller amerikanischer Spielfilmregisseure - da sitzen sie halt alle drinnen, die bekannten Namen - die Directorsguilt hat den Film ausgezeichnet. Und wie mir später gesagt wurde, ist das der erste deutsche Film der jemals von der Directorsguilt ausgezeichnet wurde. In Deutschland wollten sie uns nichtmal in die Nominierungsrunde zum deutschen Filmpreis zulassen. Und jetzt ist er natürlich auch nicht nominiert worden. Warum geben die Amis einen der angesehensten Preise nach dem Oskar, und in Deutschland wirst du nicht ernst genommen. Das finde ich noch schlimmer, als nicht wahr genommen zu werden. Man wird irgendwie mit so einem Projekt nicht ernst genommen, weil der Inhalt gleichgesetzt wird mit den Machern. Das ist zwar ein stückweit auch korrekt, aber da wird nicht wahrgenommen, daß man filmisch auch was kann. Das schmerzt halt. Denn darum gehts doch. Ob du filmisch was mitteilen kannst.
Also ich möchte meinen nächsten Film in England machen, mit englischen Darstellern, in englischer Sprache. So ist das eben: wer kam extra nach Hamburg nur um uns kennen zu lernen? Frau Kathy Rothoe (Name kaum zu verstehen), das ist DIE englische Regieagentin, die hat so unbekannte Leute wie Terry Gillian, Steven Frears, Neal Gordon, Ken Loach, und sie flog extra nach Hamburg, um mit uns ne halbe Stunde Kaffee zu trinken! Weil sie uns unbedingt haben wollte, nachdem sie 'Oi-Warning' gesehen hatte. Hier hat nicht mal ein Kleinproduzent angerufen! Dann waren wir nach London geflogen, und haben uns da mit englischen Produzenten getroffen, unter anderen die Produzenten von Bernardo Bertolluci, nur mal als Beispiel, welche Ebene das hatte. Dann sitzt du mit denen da an einem Tisch, und es wird sehr ernsthaft über den Film geredet, den du gemacht hast, und über den Film, den du als nächstes machen willst. Ernsthaft, und nicht von oben herab, gar nicht. Sie hat mich dann gefragt, wie teuer soll der nächste Film werden, und ich hatte Schiss und hab gesagt, 5 Millionen, Mark. Und das werde ich nie vergessen, die Frau war total enttäuscht, sie hatte natürlich wenigstens mit Pfund gerechnet, so nach dem Motto: Wie klein schraubt der sich denn! Soeine Wertschätzung habe ich hier in der Branche nie erlebt.
Daß jemand, der einen Erfolg hatte in ein anderes Land gehen muß, um überhaupt wieder einen Film machen zu können, das ist doch Trist. Ich meine, wir leben ja hier nicht in einer Diktatur! Ich muß ja nicht vor Adolf Hitler flüchten! Ich muß es dir ehrlich sagen, wenn man so mit Talenten, wie auch immer die geartet sind und ob man das jetzt mag oder nicht, wenn man so damit umgeht, dann wird der deutsche Film sterben. Egal wieviel produziert wird. Der amerikanische Film wird auch die letzte Lücke schließen. Und vielleicht ist es sogar gut so. Weil wenn du nichts wirklich mitzuteilen hast, dann halt den Mund.

Das Interview mit Benjamin und Dominik Reding, Sandra Borgmann führte Sebastian Kutzli, am 01.04.2001 im Comnux, Berlin

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