Schanelec:
Das hat mit der Dramaturgie zu tun. Die klassische Dramaturgie hat mit dem Leben
überhaupt nichts zu tun: Dass die Erzählweise nicht von den Personen
aus zu sehen ist, sondern von den Zuschauern. Oder davon, wie man glaubt, den
Zuschauer zu bewegen. Mich interessiert es eher, wie sich die Personen bewegen,
wie Dinge aufeinander folgen, wie unerwartet auch und wie wenig absehbar und
wie sich Geschichten wenden. Das ist ja so unabsehbar im Leben, und ich finde
es schön, wenn es im Film auch so ist. Das ist das eine. Das andere ist,
dass es im Leben immer Ausbrüche gibt, Gefühlsausbrüche, dass
Personen eskalieren. Die finde ich im Leben nur sehr nichtssagend und in Filmen
oft sehr uninteressant.
Die Lebendigkeit
transportiert sich in Deinen Filmen zu einem großen Teil auch über
den O-Ton. Dadurch dass die Bilder so reduziert sind, hört man genauer
hin. Welche gestalterische Rolle spielt der O-Ton in Deinen Filmen?
Ich denke, dass man im Film
Ton und Bild trennen kann. Damit meine ich nicht, dass man ein Bild macht und
danach den Ton dazu, sondern dass auch das Ohr bereit ist, unabhängig aufzunehmen.
Man muss die Information von Auge und Ohr nicht doppeln. Manche Sachen passieren
im Off, so dass man sie nur hört. Das kommt dann zu dem Bild dazu. Es ist
schon so inszeniert, dass viel im Off zu hören ist. Das Bild ist so kadriert,
dass das Off immer wahrnehmbar ist, dadurch dass ich immer versuche, ganz bewußt
zu machen, dass wir nur einen Ausschnitt sehen. Das Entscheidende ist, dass
es nur ein Ausschnitt ist. Es gibt die Ränder und das Außen. Und
oft passiert das Eigentliche dort, um es bewußter zu machen.
Das hat aber nichts mit dem O-Ton zu tun. Ich kann mir gar nicht vorstellen,
anders als mit O-Ton zu arbeiten.
Bei der
Hochzeitsszene in Mein langsames Leben" hast Du nicht mit Playback
gearbeitet, sondern die Band hat wirklich live gespielt. Warum arbeitest Du
auch mit der Musik wie mit dem O-Ton?
Das kann ich mir einfach nicht anders vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen zu erzählen, dass eine Band spielt, und in Wirklichkeit spielt sie gar nicht. Der Ton ist ein ganz realer Bestandteil von dem, was in dem Moment passiert wenn man dreht. Der klingt mit Playback einfach anders. Das ist das eine. Das andere ist, dass es auch für all die Leute, die beteiligt sind, die Darsteller oder Statisten, die tanzen, etwas anderes ist, den Ton so zu hören, wie er wäre, wenn eine Hochzeit stattfinden würde. Und auch für mich, um in dem Augenblick zu wissen, dass das die Wahrheit ist, was da passiert.
Du hast
vorhin gesagt, daß Lebendigkeit mit Unvorhersehbarkeit zu tun hat. Wenn
Du den Ton so aufnimmst, wie er sich in dem Moment der Aufnahme bietet, wird
das Unvorhersehbare miteingeschlossen.
Das ist richtig. Man kann
es noch deutlicher beschreiben an Szenen, die auf der Straße spielen.
Alle meine Filme spielen in der Stadt, und diese Stadt drückt sich auch
dadurch aus, daß sie laut ist, und sie ist immer laut. Auf dem Land oder
in der Kleinstadt ist der Ton ein völlig anderer. Wenn ich bei einer Szene
in der Friedrichstraße nicht den O-Ton hätte, dann könnte man
natürlich Straßengeräusche dazumischen, aber es gibt Geräusche,
auf die kommt man nicht. Oder man kann sie nicht so dazumischen, wie sie in
Wirklichkeit passieren. Das merke ich gerade bei lauten Szenen immer wieder.
Es gibt die Huper eines Autos oder entfernt eine Feuerwehr. Natürlich kann
man alles nachmachen, aber es hat eine andere Wirklichkeit, wenn man es in dem
Moment macht. Auch für Schauspieler ist es was völlig anderes. Zum
Beispiel die Szene zwischen dem jungen Mädchen, die Fotografin werden will
und den Mann in der Friedrichstraße anspricht. Für die Situation
fand ich es richtig, dass die beiden keine Ruhe haben, sondern zwischen vielen
anderen Leuten sind. Zwangsläufig sind sie inmitten von Straßenlärm
und anderen Geräuschen. Es ist einfacher für die Schauspieler, wenn
die Situation auch in der Realität besteht. Diese Realität bleibt
spürbar als außerhalb des Bildes. Ich bin auch überhaupt nicht
der Meinung, daß wenn man einen Zug hört auch einen Zug sehen muß.
Es reicht, wenn man ihn hört. Das ist das was ich vorhin meinte.
Mit den
Rändern?
Ja, daß das Ohr viel
genauer wahrnimmt, als das Auge und daß man das Ohr in Anspruch nehmen
kann. Es ist schön, wenn das Ohr Dinge wahrnimmt, die das Auge nicht sieht.
Die Musik,
die Du für Deine Filme auswählst, ist immer Musik, die die Figuren
in dem Moment hören.
Die Musiken kommen ausschließlich
aus der Situation. Es gab immer wieder Momente, in denen ich Lust hatte, die
Figuren dabei zu sehen, wie sie Musik hören und was die Musik mit ihnen
macht. Eine Filmmusik zu benutzen, ist natürlich was anderes. Eine Filmmusik
macht ja nichts mit den Figuren, sondern mit dem Zuschauer. Obwohl ich weiß,
daß es sehr gute Filmmusiken gibt, habe ich bei meinen Sachen das Gefühl,
die Szenen ohne Musik sind stärker nur mit dem O-Ton. Musik gibt es wirklich
nur dann, wenn die Person Musik hört und sich in einer Situation befindet,
in der Musik gespielt wird. Wenn ich schreibe, habe ich nach einer bestimmten
Zeit immer wieder Lust, Musik zu hören. Und dann schreibe ich über
Personen, die Musik hören, anstatt am Schneidetisch Musik drunterzulegen.
Wenn ich mit Filmmusik arbeiten würde, dann müßte es anders
sein, als es normalerweise gemacht wird, wo der Musiker beim Schnitt dazukommt.
Es müßte eine Zusammenarbeit von Anfang an sein. Man müßte
von Anfang an über die Musik nachdenken. Sie darf kein Hilfsmittel sein,
um ein Gefühl zu befördern.
In beiden
Filmen gibt es die Konfrontation einer jungen Frau mit dem Leben in Form von
Schwangerschaft und Tod. Bei Plätze in Städten" durch den
Unfall in der Familie der Freundin und beim Langsamen Leben" mit
dem Tod des Vaters. Standen diese beiden Pole von Anfang an fest?
Nein, die wirklichen Inhalte
sind immer die gleichen. Nicht nur bei mir, sondern in der Geschichte von Film,
Literatur und Kunst. Es gibt bestimmte Inhalte, die immer wiederholt werden.
Dazu gehören Geburt und Tod. Jeder ist gezwungen, ein Verhältnis dazu
zu haben, und sei es, es nicht oder noch nicht wahrhaben zu wollen. Die Hauptfiguren
in Mein langsames Leben" sind zwischen 30 und 40. Das ist die entscheidende
Zeit, in der die Eltern sterben und in der man Kinder bekommt. Es ist also das
naheliegendste, daß es auftaucht. Interessant ist nur, wie es auftaucht.
Nur deswegen kann man es immer wiederholen, weil es nie an Gültigkeit verliert.
Nur deswegen überlegt man überhaupt, wie man es zeigen kann. Wie taucht
Tod auf, wie nimmt man Tod wahr?
Der Tod im Langsamen Leben taucht unsichtbar auf. Der sterbende Vater ist nicht
zu sehen, die Kamera bleibt außerhalb des Zimmers und der Sterbende liegt
hinter einer Glasscheibe.
Ich denke man kann jemand nicht fotografieren, wenn man erzählen will,
daß er todkrank ist. Das geht einfach nicht, das ist eine Lüge.
Warum?
Der Darsteller wird nicht
sterben, jedenfalls nicht morgen. Oder vielleicht, aber er kann es nicht spielen.
Das ist total abgenutzt. In jeder Krankenhausserie siehst Du Leute, die sterben.
Das ist so geschmacklos, das verachte ich zutiefst. Das ist eine einzige Spekulation
mit den Gründen, warum jemand den Fernseher anmacht. Wenn ich erzählen
will im Film, daß jemand stirbt, weiß jeder, dass es ein Film ist
und keine Realität. Ich war in einem Sterbeheim. Du kannst so jemand nicht
bitten, für einen Drehtag zu kommen und dann richtest Du auch noch die
Kamera auf ihn. Wenn man die Person zeigt, erzählt man nichts mehr. Bei
den entscheidenden Dingen geht es nicht darum, daß es der Schauspieler
empfindet. Es geht nicht darum, daß man Valerie sieht, wie sie ihren Vater
sterben sieht. Es geht darum, daß der Zuschauer es empfindet. Was die
Schauspieler empfinden, ist völlig gleichgültig. Es geht nicht darum,
daß ein alter Mann toll spielt, daß er sterben wird. Man muß
erreichen, daß der Zuschauer damit konfrontiert wird.
Wie gehst
Du mit Körperlichkeiten im Film um? Man sieht kaum Berührungen. In
Plätze in Städten" sind die Figuren auch noch in dicke
Winterjacken eingepackt. Auch die Schwangerschaft erschien mir wie die unbefleckte
Empfängnis. Nichts hat Körperlichkeit oder Intimität zwischen
den Menschen auch nur angedeutet.
Ich denke, es ist unheimlich
schwierig, dass Menschen sich berühren in Filmen. Es ist nur völlig
selbstverständlich geworden. Godard zum Beispiel hat gesagt, einen Kuss
zu fotografieren ist unmöglich. Film ist Film und nicht Realität.
Und nur weil sich die Menschen ständig berühren und küssen und
zusammen schlafen, heißt das noch lange nicht, daß man es im Film
zeigen muß. Auch wenn man von zwei Menschen erzählt, die vielleicht
anfangen, sich zu lieben. Bestimmte Sachen muß man auslassen, um sie der
Vorstellung des Zuschauers zu überlassen.
Kam daher
die Entscheidung, im Winter zu drehen?
Ich habe im Winter gedreht,
weil ich frierende Menschen interessanter finde, als schwitzende. Gegenüber
Kälte muß man sich anders verhalten. Ich gucke lieber hin, wenn sich
jemand schützen muß, und auch ich kann die Schauspieler dadurch besser
schützen. Sie geben nicht so viel preis. Ich versuche, ihnen ihr Geheimnis
zu lassen. Da hilft manchmal auch ein dicker Mantel. Die Personen in Mein
langsames Leben" schützen sich anders. Sie sind in einem Alter, in
dem sie gelernt haben, sich anders zu schützen, als durch dicke Mäntel.
Wählst
Du deshalb auch oft Kameraeinstellungen, in denen Du die Personen oder eine
Person nicht preis gibst, indem Du sie zum Beispiel von hinten filmst, wie am
Anfang von Plätze in Städten"?
Oft finde ich einen Nacken und einen Pferdeschwanz viel schöner und viel richtiger in dem Moment, als ein Gesicht. Ich glaube, man hört dann auch anders hin, weil man hinhören muß, wenn man die Gesichter derer nicht sieht, die sprechen oder nur sehr eingeschränkt. Es löst sich mehr voneinander, man nimmt separierter und damit auch klarer wahr.
Das Gespräch
führte Antonia Ganz am 8.März 2001 in Berlin.
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