Ich wollte Euch mal ein
Bild von erstaunlichen Widersprüchen entwickeln. Also, Ich war vor zwei
Jahren für drei Monate in Los Angeles. Wir hatten an der Europäischen
Filmakademie eine völlig verrückte Idee. Und zwar sollten uns die
Hollywood-Autoren sagen, wofür sie Europa brauchen - ich spreche jetzt
von Filmautoren, teilweise auch von Autoren die auch Regisseur sind - ob sie
sich dafür überhaupt interessieren. Da stellte sich folgendes heraus:
Erstens, dass sie das tun; und zweitens, dass sie extrem vereinsamt sind. Jeder
wohnt in irgend einem Bungalow in den Hügeln. Es gibt kein Café,
wo sie sich treffen. Los Angeles: Die kräftigsten Firmen, die Hauptstadt
der Kinowelt - lauter Einsame. Struktur gibt es da gar nicht. Das heisst, jeder
Autor hat seinen Anwalt, seinen Manager, seinen Agenten, und natürlich
taucht er ab und zu bei den Majors auf. Da sitzt er einem Typ gegenüber,
der eigentlich noch nicht mal Autovertreter sein kann, der nichts versteht von
irgendwas, und der noch weniger liest als unsere Redakteure beim ZDF oder in
der ARD. Der verlässt sich auf eine Reihe wirtschaftlicher Entscheidungen.
Ich habe mit den Leuten wirklich gesprochen und habe etwas von ihrer Seele gehört.
Es war so kümmerlich. Sie waren die ärmsten Menschen die mir begegnet
sind, in den letzten zwanzig Jahren, die ärmsten. Sie bekamen im Durchschnitt
für ein Drehbuch zwischen einer halben und einer Million Dollar und wussten
nicht, was sie damit machen sollten. Dann sassen sie - das ist jetzt wirklich
kein Stereotyp - einsam an ihrem Swimmingpool. Drogen, Drogen, von morgens bis
abends, Kokain, weiss der Teufel was. Ein Ausdruck von Traurigkeit, wie ich
ihn gar nicht schildern kann. Wenn sie unser Gespräch hier hören würden,
die würden alle verliebt sein in uns, dass wir so schöne, liebe Gedanken
haben.
Im Gegensatz dazu, das Café in Paris, wo sich ganze Schulen entwickelt
haben. Wo die Kritiker der Nouvelle Vague zusammen kamen. Aber im Gegensatz
zu uns waren sie nicht Filmemacher untereinander. Es waren Philosophen, Architekten,
Wissenschaftler, die heute nach wie vor tragend sind für ein ungewöhnliches
französisches Kino, das selbst im mittleren Bereich der Unterhaltungsfilme,
die wir hier gar nicht sehen, ganz erstaunlich ist. Wir haben hier wenig von
Kultur gesprochen. Die Deutschen sprechen sehr schnell von Strukturen, von denen
man sich dann erhofft, dass sie diese gesellschaftlichen Zusammenhänge
schaffen. Aber was uns Europäer interessiert, und was nicht zu ersetzen
ist durch Strukturen, ist das Café. Ihr kennt alle die Cafés in
Paris. Man kommt zusammen, hat ein kleines Gespräch mit einem Buchautor,
der sagt: "Ach, du hast das und das im Kopf. Naja, gut, wir könnten
mal zu dem gehen, der sitzt in einem anderen Café." So kommt etwas
unangestrengt zusammen.
Wir hatten lange keine Hauptstadt. München war so ein bisschen provinziell,
mir sehr sympathisch. Berlin - manchmal mehr so eine Insel, bisschen trostlos.
Von Düsseldorf brauchen wir nicht zu sprechen. Hamburg war schön.
Aber alle waren getrennt. Ich habe mir zum Beispiel mal vorgeworfen, dass ich
manchmal zwei Jahre den Uwe (Brandner) nicht angesprochen oder angerufen habe,
und so gings mir mit Vielen. Wenn wir diese Cafés gehabt hätten,
dann wäre ich immer irgendwo aufgetaucht. Aber in den deutschen Kneipen,
oder in der Diskothek, wo soll man da über das sprechen, was uns berührt?
Die Liebe, ein gutes Buch, und so weiter?
Mein erster Satz in einer Filmakademie ist immer: "Wir werden über
alles sprechen, nur nicht über Film." Da können sie sich auf
den Kopf stellen. Das ist mein Grundsatz. Wir werden über Religion sprechen,
über Literatur, was weiss ich, nur nicht über Film.
Ich komme noch mal zurück
zu den Widersprüchen: Die Einsamkeit der Autoren in Los Angeles. Die kommen
mit niemandem zusammen und machen starke Filme. Auf der anderen Seite: Schulen
wie die der Neorealisten in Italien, und, wie erwähnt, die der französischen
Filmemacher. Da gab es vor allen Dingen etwas, dass ich familiären Zusammenhang
nennen will. Wir hier aber sind Fremde unter Fremden, mehr als je zuvor. Wir
waren es immer. Wer liebt in Deutschland denn die Buchautoren? Von den Regisseuren
will ich gar nicht sprechen. - So schnell wie möglich nach Italien... -
Grass? Böll? Wann wurde der denn geliebt? Wann liebte man unsere Dichter?
Ich hab ein vollbesetztes Stadion in Chile gesehen. Siebzigtausend, die den
Geburtstag von Neruda feierten. Im Schloss von Santiago gab es Gedichte von
Neruda. Wo sind unsere Gedichte hier? Das sind unsere Werte. Erst dann können
wir von Filmkultur sprechen, wenn wir diese Kultur erkannt haben.
Wie ist das zu schaffen? Das hat mich interessiert. Nach elf Jahren in der Akademie
der Künste (Berlin) bin ich - sehr spektakulär, was nicht meinem Charakter
entspricht - weggelaufen. Die wollten wieder die Restauration. Neue Akademie
am Brandenburger Tor. Ausstellen, vorstellen, prominent sein und so weiter.
Ich hab gesagt wir treten ein, in das Zeitalter der Nomaden. Wir brauchen kein
neues Haus. Wir brauchen Zelte, Wohnwagen und an dieser Stelle vor dem Brandenburger
Tor ist mir lieber ein neues Las Vegas, ein Kinderspielplatz, oder sonst irgendwas,
aber keine neue Akademie. Sie haben eine Dreihundertjahrfeier gemacht. Ich muss
das nur schnell sagen, weil es alles mit Kultur zu tun hat, mit der Kultur des
Dialogs. Ich habe ihnen gesagt: "Da mache ich nicht mit. Ich würde
gerne eine Retrospektive von all denen machen, die nicht aufgenommen wurden
in der Akademie. Der Rest, das waren Arschkriecher der Monarchen" und so
weiter. Die Nachkriegsgeneration hat das nicht begriffen. Die sitzen da wieder
am Brandenburger Tor, am Ort des Verbrechens und feiern Dreihundertjahrfeier
mit irgendwelchen Gipsbüsten.
Ich habe das unterwandert mit fünf Jahren Sommerakademie, wo ich Gott und
die Welt eingeladen habe. Wir haben dort interdisziplinäre Gespräche
geführt, also zum Beispiel mit einem chinesischen Physiker, der über
Kochkunst gesprochen hat, oder einem deutschen Astronauten, der über die
Farbe Schwarz gesprochen hat. Der Astronaut, ein Mensch von einem anderen Stern.
Ich habe das auch erlebt. Der hatte ein Vibration, die sich mitteilte, das war
phantastisch. Ein reiner Techniker übrigens von der TU. Er hat uns erzählt,
dass er durch diese Erfahrung zum Dichter wurde. Er hat Gedichte geschrieben,
wie Viele, die diese Erfahrung gemacht haben, im All. Es war dieses Durcheinander
von Leuten und die Proklamation von mir, dass jeder, der sich einschreibt, nichts
machen muss. Wir haben die Ineffizienz kultiviert. Er soll sich auf den Boden
legen und nicht so viel plappern, schon gar nicht über Kunst. Entspannen
- das war das Thema.
Ich finde so phantastisch,
dass wir hier zusammen kommen. Es lohnt sich von Strukturen zu sprechen, aber
der wirkliche Defizit besteht in etwas Anderem. Nämlich im Nichtanerkennen
des Ausschweifens, sozusagen. Wer sind unsere Verbündeten? Das sind nicht
die Leute vom Fernsehen, das sind nicht die Bürokraten von den Förderungen,
das sind nicht die Bürokraten von der europäischen Kommission, und
erst recht nicht die Fonds, die sich jetzt bilden. Es ist leider auch nicht
der Pöbel, der sich etabliert hat, der diese Fernsehprogramme anschaut.
In einem Buch, das jetzt der Verlag der Autoren herausgebracht hat, gibt es
eine phantastische Anekdote von einem Serienautor, einem Herrn Reitinger. Der
erzählt folgendes: Was kann man dem Publikum am späten Nachmittag
in der Vorabendserie zumuten? Und da sagt er: "Naja wenn die anfangen zu
essen, dann kann man ihnen bestimmte Flüssigkeiten nicht mehr zumuten und
auch gewisse Pornosachen nicht. Aber das tu ich ja bestimmt nicht. Nur, wenn
das Essen zu ende ist und die anfangen zu knabbern, dann muss man aufpassen.
Dann gibt es nämlich den sogenannten Negerknick." Ich dachte, was
ist den das. "Negerknick ist, wenn in einer Serie eine dunkelhäutige
Person auftaucht, dann schalten", aufgepasst, "25 Prozent aller Zuschauer
um. Aber", und das sagt ein Serienautor, nicht ich, "wenn diese dunkelhäutige
Person einen Hund dabei hat, dann bleiben sie." Das ist keine Ironie. Das
ist die Aufgabe, die man ihm erteilt.
Ich habe mit einem Mann von Kinowelt gesprochen, und da war nur eins bemerkenswert,
dass er immer wieder sagte: "Ja, ja ich habe eigentlich wenig Zeit zu lesen,
aber es gibt natürlich Sachen die mir gefallen. Aber es sind die Aktionäre,
die ab jetzt entscheiden. Wenn mir was gefällt, dann gebe ich das dem Herrn
Soundso, das ist mein Vorgesetzter. Der wird dann entscheiden, ob er es überhaupt
den Aktionären vorstellt, und dann werden wir vielleicht ein Geschäft
machen." Fast das selbe Argument bekommt man von den älteren Dramaturgen
im WDR. Die sagen: "Es hat eigentlich gar keinen Zweck, dass ich diesen
Stoff annehme, weil mein Vorgesetzter den bestimmt nicht mag." Mit anderen
Worten, das subalterne Gefüge hat sich noch mal vergrössert. Es ist
so gigantisch, dass jeder so unsicher geworden ist und nichts mehr riskiert,
das ist klar. Wozu auch?
Lektoren und Dramaturgen gab es ja nie im Fernsehen. Das ist eine Legende. Das
waren Leute, die aus der Soziologie kamen und freundschaftlich mit uns verkehrten,
die auch eine gewisse Leidenschaft für die Sache hatten, aber sie konnten
es von ihrer Position aus nicht wahrnehmen, denn sie waren Halbproduzenten und
Halbdramaturgen. Die sogenannten Auftragsproduzenten - das hat Kluge uns beigebracht
- waren in Wirklichkeit gar keine Produzenten, sondern Agenten. Die hatten auch
gar kein Interesse an dem Produkt. Sie bekamen das Geld vom Fernsehen und steckten
sich die sogenannten HU (Handlungsunkosten) ein und das Übriggebliebene,
was man so irgendwie vernuscheln kann. Diese Leute waren hybrid. Sie waren weder
das Eine noch das Andere. Mit dieser Meute hatten wir zu tun und es wirkt sich
bis heute auf alles aus - auf die Moral vor allem, die geschändete, die
gibt es nicht mehr. Es ist das, was vorher angesprochen wurde. Die Katastrophe
im Fernsehen, wo man anschaltet und denkt, was ist da los, sind die alle verblödet,
haben die gar keine Sehnsucht mehr?
Aus einem Gespräch
mit Uwe Brandner, Peter Lilienthal, Werner Penzel, Josef Rödel, Christian
Wagner. Thema: Produktionsstrukturen in Deutschland. Revolver: Jens Börner,
Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Sebastian Kutzli, Hans Steinbichler.
München, 05.10.2000. Bearbeitung: Benjamin Heisenberg, Sebastian Kutzli.