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Schießen Sie auf den Kritiker!

Die Filmzeitschrift "Revolver" widmet sich in ihrer neuen Ausgabe der Filmkritik

10.08.2006

BerlinBerlin - Seite K02

Julia Teichmann

Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren in Deutschland. Da gab es eine Filmkritik, die sich sinnfällig verzahnte mit deutschem Filmschaffen, die mit Passion schrieb, die etwas durchsetzen wollte. Diese Sehnsucht nach einer Filmkritik im Aufbruch, aber auch nach einem Aufbruch im deutschen Film wird besonders deutlich, wenn Enno Patalas spricht und schreibt, ehedem Direktor am Filmmuseum in München, Gründer und Redakteur der legendären Filmzeitschrift "Filmkritik". Enno Patalas ist in der jüngsten Ausgabe der Filmzeitschrift "Revolver" Protagonist dieser goldenen Zeiten der deutschen Filmkritik, ihrer Wiedergeburt nach dem Krieg. Die anderen Filmkritiker, die zu Wort kommen, vertreten ein jüngere Generation.

Nicht zuletzt, um der Sehnsucht nach Inhalt, Diskussion und Passion eine Plattform zu geben, wurde "Revolver" 1998 gegründet. Die Herausgeber Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler und Sebastian Kutzli, damals noch Studenten der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, folgten dabei radikal subjektiv ihren Interessen. Jens Börner kam später als vierter Herausgeber dazu, "Revolver" zog von München nach Berlin, Kutzli wurde in der siebten Ausgabe ersetzt von Nicolas Wackerbarth. Der halbjährlich erscheinende "Revolver" sollte, konnte und wollte keine Filmzeitschrift sein, die sich in erster Linie nach den Filmen richtet, die gerade ins Kino kommen. Sondern eine Zeitschrift, die "Gedanken, Ansichten und Träume filmschaffender und filmschauender Leute versammelt. Sie will direkt, präzise und ehrlich über den Film der Zukunft sprechen." Diese Maxime wurde der ersten Ausgabe vorangestellt.

Ergänzt wurde sie im Vorwort der fünften Ausgabe, seit "Revolver", weiterhin in Buchform, im Verlag der Autoren erscheint: "Wie sollen wir leben? Wie sollen wir lieben? Welche Geschichten brauchen wir? Jede Frage des Kinos ist politisch. Diese Zeitschrift will mehr sein als nur eine Ansammlung von Texten. Es geht um einen größeren Zusammenhang. Es geht darum, aufzustehen. Zu kämpfen! Für eine neue Gesellschaft, eine neue Liebe, einen neuen Film." Ein wenig erinnert dieser pathetisch-poetische Aufruf an André Bretons zweites "Surrealistisches Manifest" von 1929, in dem dieser skandalträchtig eine neue Einheit von Kunst und Leben forderte und als einfachste surrealistische Tat beschrieb, "mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings in die Menge zu schießen."

Nicht ganz so martialisch geben sich die Macher von "Revolver": Hier soll offenbar etwas durchgesetzt werden, es soll eine konstruktive Streitkultur angemahnt werden - die Zeitschrift heißt ja nicht umsonst "Revolver". Und in den mittlerweile acht Jahren, die es sie gibt, hat sich auch wirklich etwas verändert. Die Franzosen haben das zuerst kapiert und entdeckten eine "Nouvelle Vague Allemande", die als Berliner Schule dann auch in Deutschland (an-)erkannt wurde. Heft 11 widmete sich denn auch dem Thema "Realismus", inspiriert vom verstärkten Interesse des jungen deutschen Kinos an der Wirklichkeit. Da gab es ein Interview mit Eric Rohmer zu lesen und einen Text über den österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl ("Hundstage"). Heisenberg und Hochhäusler werden zur Berliner Schule gezählt, so unangenehm den Filmemachern selbst solche Zuordnungen auch sein mögen. Doch sie treffen sich und reden miteinander, Valeska Grisebach ("Sehnsucht") und Ulrich Köhler ("Bungalow") sind zum Beispiel dabei. Die deutschen Kinostarts von Heisenbergs "Schläfer" und Hochhäuslers "Falscher Bekenner" - von der Kritik durchaus aufmerksam behandelte Filme - fielen zeitlich zusammen mit der Produktion von Heft 14, der Ausgabe zur Filmkritik.

Eine Montage aus zwei verschiedenen Diskussionen zur Filmkritik, von 2003 und 2005, wird dem Heft vorangestellt. Zu Beginn artikuliert Christoph Hochhäusler die drei wesentlichen Defizite, die er bei der deutschen Filmkritik sieht: Serviceorientierung, also "Zwei Daumen hoch, Sternchen, im weitesten Sinne jede Art von Event-Berichterstattung und Infohäppchen"; falsche Gnade und Impressionismus - soll heißen die persönlichen Reflexionen des Kritikers überlappen jeden größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. Er gibt Michael Althen (FAZ) in dieser Beziehung als Rollenmodell an, der wiederum in seinem Text "Beruf: Filmkritiker" in "Revolver" auf diese Diskussion reagiert: "Ich weiß noch, wie sehr ich den Abend zum Kotzen fand. Die gespielte Naivität und den gezielten Hochmut, was Filmkritik angeht. Das Verschanzen hinterm Kunstkontext, wo so lange mit Begriffen um sich gehauen wird, bis auch der letzte Rest von Anschauung erschlagen ist." Das sind Steilvorlagen, denen die anderen Texte in ihren Positionierungen nicht nachstehen. Ob Rüdiger Suchsland nun den Kritiker als Seismographen beschreibt, Katja Nicodemus (Die Zeit) übermächtiges Marketing beklagt oder Enno Patalas ihr dahingehend folgt und "Schauspielerinterviews auf Gala-Niveau" in der Süddeutschen Zeitung moniert.

"Diese Ausgabe soll nicht zuletzt daran erinnern, was Kritik sein kann: Spiegel und Gegensatz, Herausforderung und Korrektiv", heißt es im Vorwort. Man kann es auch ähnlich ausdrücken wie Manfred Hermes in seinem Text, wenn er sich auf Ernst Lubitschs filmische Vorliebe für Türen bezieht: Im Grunde seien Kritik und Filme das Gleiche - nämlich Türen.

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Revolver Heft 14: Filmkritik, Verlag der Autoren; 153 Seiten, 6 Euro, www.revolver-film.de

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Foto: "Ist mir doch egal, was total verbildete, im eigenen Saft schmorende Kritiker denken! Ich finde nur das wichtig, was total verbildete, im eigenen Saft schmorende Leute mit viel Geld denken." Comic von Mark Stivers.