Nudel in der Nacht
In der Zeitschrift "Revolver" geht es um die Konsistenzen des Kinos
von Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung 30.09.01

Zuerst einmal geht es ums Essen, um die Beziehung von Kochen und Kino, und um das Verständnis, das Köche, Filmemacher und Zuschauer für ihre Arbeit entwickeln sollen. "Sagen wir", erklärt uns Peter Kubelka, einst Chef des Filmmuseums in Wien, selbst passionierter Filmemacher und Koch, "sagen wir, der Mensch ist eine Tiergattung, die gewisse Fähigkeiten hat, und wenn die EINER hat, dann haben sie ALLE. Eine Lerche ist ein Singvogel, jede Lerche kann singen. Ein Mensch ist ein Handwerker, das heißt er ist ein Bildner, er kann mit den Händen etwas formen. Film und Kochen haben eine Gemeinschaft, es handelt sich in beiden Fällen um körperliche Dinge, die künstlich, also vom Menschen geformt werden."
Ums Handwerk ging es von Anfang an in der Münchner Filmzeitschrift Revolver, von der eben die fünfte Ausgabe erschienen ist (September 2001, Verlag der Autoren, Frankfurt, Jahresabo 18 Mark, jeweils 2 Ausgaben), Revolver wird herausgegeben von Studenten der Münchener Hochschule für Film (Jens Börner, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Sebastian Kutzli) und lässt konsequent die Filmemacher selbst zu Wort kommen, die deutschen zumal, die jungen. Nicht damit sie ihre Filme erklären, und sicher nicht, um sie jammern zu lassen über die miesen deutschen Produktionsbedingungen. Sondern um von den Erfahrungen zu berichten mit dem Kino, von der Wahrnehmung der Welt, die sie umsetzen in Skripts und Szenenfolgen.

Wie keiner anderen deutschen Filmzeitschrift sonst - und nur wenigen der französischen und amerikanischen - gelingt es Revolver, jene Distanz zum herzustellen, die Sympathie und Kritik zugleich bedeutet. In diesem Sinne hat es Georg Seeßlen - auch mit Kritikern wird das Gespräch gesucht - natürlich leichter, der im Allgäu lebt, fern vom Betrieb, zwischen Deutschland und Italien: "Die Verführung besteht gar nicht erst. ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich da drin wäre. Es hat auch damit zu tun, das man sehr leicht blind wird, je näher man dem Zentrum ist. - wenn man gewissermaßen nicht mehr hungrig ist.

Mitten aus dem Zentrum berichtet der Filmemacher Christian Petzold, er erzählt von entscheidenden Veränderungen im Winter 1991/92 - im Schaufenster eines Modelleisenbahngeschäfts am Mierendorffplatz: das Ende der warmen, gelassenen ewiglichen Modellwelt.

Es geht um Konsistenzen in Revolver und im letzten Beitrag erzählt Wong Kar-Wai, wie er mit seinem Film "In the Mood for Love" anfing: "Der ursprüngliche Titel hieß, 'Three stories about food'. Die Idee war, drei Geschichten darüber zu erzählen, wie Essen die Menschen beeinflußt. Um 1970 gab es zwei Erfindungen, die das Leben in Asien oder China sehr verändert haben: Der Reiskocher und die Fertignudeln. Früher haben Frauen sehr viel Zeit in der Küche verbringen müssen, um für ihre Familien zu kochen. Mit dem Reiskocher hatten sie plötzlich viel mehr Zeit für sich selbst. Und bevor es Fertignudeln gab, sind die Menschen aus dem Haus gegangen, um Nudeln zu holen - wie in 'In the Mood for Love'. Wenn viele Menschen auf engem Raum leben, brauchen sie einen Grund, um rauszugehen, zum Beispiel holen sie sich mitten in der Nacht Nudeln - aber eigentlich brauchen sie keine Nudeln, sondern frische Luft. Seit es Fertignudeln gibt, gehen die Leute nicht mehr so oft nach draußen..."