Standpunkte,
Daniela Kloock

Papas Kino ist tot, dafür gibt es "Revolver" -
über eine zornige Zeitschrift für Film aus München

Schon einmal träumten in München respektlose junge Filmemacher vom Aufbruch.
Im Hinterzimmer eines Chinarestaurants erklärten sie Papas Kino für tot. Sie
protestierten gegen den Muff, die Biederkeit, Seichtigkeit und
Geschichtsverleugnung der älteren Filmemacher-Generation. Im Februar 1962
wurde ihr Konfrontationskurs im sogenannten Oberhausener Manifest
verschriftlicht. 26 Filmemacher unterzeichneten, darunter Edgar Reitz und
Alexander Kluge und keine einzige Frau. Sie wollten den neuen deutschen
Spielfilm kreieren, einen Film jenseits von branchenüblichen Konventionen
und wirtschaftlichen Maßgaben. Noch 17 Jahre später konnte eine Hamburger
Erklärung die Stärke des Neuen Deutschen Films und den Zusammenhalt dieser
produktiven Filmszene behaupten. "Wir lassen uns nicht
auseinanderdividieren", so Rainer Werner Fassbinder, Hans W. Geißendörfer,
Wim Wenders, Hannelore Hoger oder Margarethe von Trotta, um nur die
Prominentesten zu nennen. Die Manifeste und Erklärungen - in den Jahren
dazwischen und danach gab es noch einige andere - waren einerseits Versuche
einer politischen Vergangenheitsbewältigung und andererseits verdeutlichten
sie den Wunsch der kommerziellen Vorherrschaft über die Bilder Alternativen
entgegenzusetzen. Es ging außerdem, zumindest auf dem Papier, darum einen
umfassenden Begriff des Mediums Film zu entwickeln, und sich aus
überkommenen Rastern, Typen und Schemata zu lösen. Gleichzeitig war das
Ganze auch eine Form der Selbstinszenierung. Die Filmemacher taten so, als
wären sie eine Gruppe, ein Kollektiv.
Die inneren Widersprüche und Konflikte des sogenannten "Neuen Deutschen
Films" aufzuarbeiten und der Frage nachzugehen, wie und warum diese
filmpolitische Bewegung sich auflöste, bleibt der Filmwissenschaft
überlassen. Für die Feuilletons markiert der Tod Fassbinders den Beginn
einer Leere, die den bundesdeutschen Film, aber auch die bundesdeutsche
Filmkultur als ganze, bis in die späten 90er Jahre charakterisiert. Jegliche
inhaltliche, geschweige denn politische Relevanz schien verloren, der
Autorenfilm begraben. In den Kinos liefen Beziehungskmödien und
Ballermannfilme. Dies war die Ausgangssituation für die damaligen
Filmstudenten. In den letzten Jahren aber ist wieder Bewegung in die
Filmszene gekommen. Die Themen werden politischer, realistischer, die
inhaltliche und stilistische Bandbreite wird größer. Und junge Filmemacher
tun sich wieder zusammen. In Berlin steht stelllvertretend für diese Tendenz
eine Gruppe ehemaliger DFFB Studenten, den wenigsten sind sie als Gruppe
aufgefallen, aber sie sind bereits international anerkannte Repräsentanten
eines jungen deutschen Kinos: Thomas Arslan, Christian Petzold, Angela
Schanelec oder Jose van den Schoot machen Filme, die von einer direkten
Neugierde und dem Esprit der Nouvelle Vague geprägt sind. Und in München
wird der Traum von einer neuen deutschen Filmlandschaft ausformuliert.
Jedoch wird diesmal kein Manifest verfasst, sondern eine Zeitschrift
gegründet. Sie heißt "Revolver". Es ist eine Zeitschrift für Film, die
sofort ins Auge fällt. Nicht nur weil sie so handlich ist und in jede
Jackentasche paßt, sondern auch weil sie besonders liebevoll gestaltet ist.
Kein Wunder, daß es dafür bereits einen Designpreis gab.
"Revolver" ist handlich aber nicht handzahm, denn - so die erklärte Absicht
der Herausgeber - die Zeitschrift will die Leser anregen, überraschen,
berühren, ihnen im Zweifelsfall sogar wehtun. Die vier Macher wirken
kämpferisch, weshalb die FAZ sie schon als "junge Krieger" bezeichnete. Und
das sind ihre erklärten Ziele: Sie wollen frischen Wind in die
"eifersüchtige Clique" der Filmemacher bringen, diese zu Positionierungen
animieren, zu Diskussionen anregen, um die Isolierung der einzelnen Künstler
zu durchbrechen. Sie wollen die Lücke zwischen Machern und Konsumenten
schließen, denn die Zeitschrift versteht sich als Forum des
Gedankenaustauschs. Der Leser wird aufgefordert, sich mit eigenen Artikeln
einzumischen. Last but not least wenden sich die Herausgeber auch gegen eine
oberflächliche und ängstliche bundesdeutsche Filmkritik, der die Passion für
den Gegenstand abgeht und die für tiefsinnige Fragen weder die Zeit noch die
Kompetenz hat. All das bringen die vier ehemaligen Studenten der Münchner
Filmhochschule, Jens Börner, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler und
Sebastian Kutzli, mit. (Christoph Hochhäuslers im Forum der diesjährigen
Berlinale gezeigter Film "Milchwald" wurde übrigens gerade von "Le Monde"
zum besten deutschen Film des Festivals erklärt.) Und "Revolver" schießt
scharf: auf ein Genrekino mit all seinen festgelegten Grenzen, auf das
marktwirtschaftliche Kalkül in der Filmproduktion, auf den "common sense"
der Filmkritik und des Publikums und auf die Plots der meisten Filme, die
"zu Dienstleistungsstrukturen verkommen" und zu "gezähmten Abenteuern im
Paradies der Onanisten" werden. "Revolver" liebt die großen Vor-Worte, in
denen vollmundig erklärt wird, daß hier Grenzen eingerissen und fundamentale
Fragen gestellt werden. Die klingen dann so: "Wie sollen wir leben, wie
sollen wir lieben, welche Geschichten brauchen wir?"(Vorwort Heft 5).
">Revolver> will Großes, will Visionen, will eine neue Gesellschaft, eine
neue Liebe, einen neuen Film" (Vorwort Heft 5), will "warme Körper im Kino
und Menschen, die nachfühlen können, was anderen zugestossen ist" (Heft 7).
1998 erschien die Zeitschrift das erste Mal, überraschte mit dem Abdruck des
kompletten Dogma-Manifestes und einem ausführlichen Gespräch mit Lars von
Trier, der eigentlich keine Interviews gibt und dann ganz ungehemmt im Sinne
der Altvorderen verkündete: "Diese verstockten alten Männer müssen sterben.
Wir wollen uns nicht länger mit gutgemeinten Filmen mit humanistischer
Botschaft begnügen, wir wollen mehr von der echten Ware, der Faszination,
dem Erlebnis...". Man spürt, daß die Revolver-Macher sich diesem Furor gerne
anschließen, wiewohl unklar bleibt, wer denn die Väter wären, die es
hierzulande niederzumachen gälte. Da die Redaktion sich als Team versteht,
interessiert sie sich auch für andere Gruppen und Familien. Außerdem geht
sie davon aus, daß "gute Filme, siehe Fassbinder, Almodovar, Lars von Trier,
Familien brauchen" und wichtige filmische Innovationen immer in und über
Gruppen entstanden sind. Man denke an die Nouvelle Vague, an den Neuen
Deutschen Film der 70er Jahre oder an die Dogma Leute. Und so gibt es zwei
Hefte, die sich schwerpunktmäßig mit Gruppen beschäftigen. Heft 2 beinhaltet
Gespräche mit den "x-Filmern", u.a. Tom Tykwer und Wolfgang Becker, Heft 6
mit der Filmproduktionsgruppe "Coop 99" aus Wien, deren bekannteste
Vertreterin Jessica Hausner sein dürfte, die 2001 mit ihrem Film "Lovely
Rita" bekannt wurde. Mittlerweile liegt Heft 7 vor. Das inhaltliche Konzept
hat sich nicht verändert.
In jedem Heft gibt es kurze Klassikertexte. Antonioni, Visconti, Rivette,
Wilder oder Cassavetes äußern sich in Originaltexten, die häufig das erste
Mal in deutscher Sprache zu lesen sind, aber auch Texte von hierzulande
völlig Unbekannten, wie beispielsweise von Bruno Dumont, der in Cannes 1999
für "L´Humanité" den großen Preis der Jury erhielt (Heft 6). Hauptsächlich
dominieren jedoch ausführliche Interviews u.a. mit so großen Namen wie David
Lynch oder Wim Wenders. Alle vier Herausgeber verstehen sich nicht als
begnadete Artikelschreiber, sie lieben den Dialog, das erfrischende Gespräch
und sie nehmen sich Zeit dafür. Das scheint sich auch auf die
Gesprächspartner zu übertragen, die dann Erstaunliches und zuweilen auch
Verstörendes äußern. Ob das nun Lars von Trier ist, der von Hitler als einem
"wirklichen Künstler" spricht (Heft 1) oder David Lynch, der lieber über
einen Gartenzaun nachdenkt als über die großen Probleme in der Welt und
außerdem jedem rät, die Dinge "still von unten zu betrachten" (Heft 3). Hoch
interessant liest sich auch das Interview mit dem polnischen Kameramann
Slawor Idziak, der behauptet, die Bildsprache im Kino habe sich seit zwanzig
Jahren nicht mehr entwickelt, der von Fellini, Bergmann und Truffaut
schwärmt und für den ganz klar ist, daß "nur das Visuelle den Weg in unser
Unterbewußtsein findet und nicht die erzählte Geschichte" (Heft 4).
Demgegenüber setzt Angela Schanelec, die bereits mehrere eigenwillige und
anspruchsvolle Filme vorgestellt hat, auf das Ohr: "Es ist schön, wenn das
Ohr Dinge wahrnimmt, die das Auge nicht sieht" (Heft 5), und Dominik Graf
äußert salopp: "die Bilder waren mir eigentlich immer eher wurscht. Was mich
interessiert sind die Personen, der Rhythmus, die Musik, das Erzählen
selber." (Heft 7) Beeindruckend in ihrer Klarheit sind auch die Worte von
Peter Lilienthal, der sich über die Hollywood-Autoren folgendermaßen äußert:
"Sie waren die ärmsten Menschen der Welt, die mir in den letzten zwanzig
Jahren begegnet sind...sie bekamen im Durchschnitt für ein Drehbuch zwischen
einer halben und einer Million Dollar und wussten nicht, was sie damit
machen sollten. Dann sassen sie - das ist jetzt wirklich kein Stereotyp -
einsam an ihrem Swimmingpool. Drogen, Drogen...Wenn sie unser Gespräch hier
hören würden, die würden alle verliebt sein in uns, dass wir so schöne,
liebe Gedanken haben..." (Heft 7)
Stellt man sich all die film-engagierten Personen mit ihren völlig
unterschiedlichen Ansichten an einem Tisch vor, wird plötzlich klar wie
breitgefächert, lustvoll und fruchtbar ein Nachdenken über Kino sein kann.
Und man ahnt warum "Revolver" gerne ein Dictum von Picabia zitiert: "Der
Kopf ist rund damit die Gedanken die Richtung wechseln können."


P.S. Unter www.revolver-film.de kann man sich einen Überblick über die Hefte
verschaffen und dort sowie beim Verlag der Autoren abonnieren. Das Heft
erscheint zweimal im Jahr und kostet 5 Euro.